›Das will ich allerdings, Nachbar! Wißt Ihr, beim Reisbrei damals, als er nicht Antwort geben wollte, da ich von der Sache anfing?‹
›Ei, Ivers, Lorenz ist nicht gewöhnt, an seiner Herrschaft Tische mitzureden; und überdies, er fühlte wohl, daß Ihr ihn necken wolltet.‹
›Mag sein,‹ versetzte Ivers; ›aber was hat er bei nachtschlafender Zeit da draußen an dem Galgenberg herumzukriechen?‹
›Was sagt Ihr, Nachbar?‹ rief meine Mutter.
›Ich sag' nur,‹ erwiderte er, ›was die Hebamme Clasen mir selbst erzählt hat; vorgestern nach Mitternacht, als sie dort vorbeigefahren, hat sie etwas von oben den Galgenberg hinunterlaufen sehen, und da sie ihre Laterne, die sie bei sich hatte, darauf hingewandt hat, ist die Gestalt in einen Busch gesprungen; aber an den großen, blanken Knöpfen auf der Jacke, die sonst kein Mensch hier trägt, hat sie genug erkennen können, wer der Mann gewesen ist. Und auch noch andere wollen des Nachts ihn dort gesehen haben.‹
Ich war sehr erschrocken, als der Nachbar das erzählte; denn ich sah, was ich keinem verraten hatte, den alten Lorenz wieder bei hellem Tage zwischen seinen Fässern schlafen.
›Aber, Ivers,‹ sagte mein Vater; ›das Unheil, wenn denn Lorenz es sollte angestiftet haben, war ja schon geschehen; was konnte er jetzt noch auf der Richtstatt suchen wollen!‹
›Nun, Nachbar,‹ und der alte Junggeselle stellte sein Schalksgesicht auf, was er mitunter bei den traurigsten Geschichten nicht unterlassen konnte — ›Peter Liekdoorn hat doch jedenfalls noch einen Daumen mehr gehabt; vielleicht sollte der nun unter den Drümpel, da der andere so sichtlich den verkehrten Weg gegangen war! Aber er ist nur nicht so leicht zu haben; denn auf dem Rade soll bei Nachtzeit etwas sitzen, das einen Christenmenschen nicht heranläßt!‹
Mein Bruder Christian blinkte mich aus seinen dicken Augen an.
›Wärst du bang, Nane?‹ blies er mir durch die hohle Hand ins Ohr. ›Ich nicht!‹