›Um Christi willen!‹ rief meine Mutter; ›so ist Er wirklich dagewesen?‹
›Die Frau soll nicht erschrecken,‹ erwiderte Lorenz; ›ich dachte nur, wer sich den einen Daumen holte, der kann sich auch den anderen holen; und von gar so weit mag er auch wohl nicht gekommen sein! Denn — so klug bin ich doch — es ist diesmal kein Zauberwerk, sondern ein Schabernack gegen uns gewesen; aber die da‹ — und er erhob die Faust und zeigte drohend nach der Gegend, wo die neue Brauerei gelegen war — ›sie sollen keinen Segen davon haben!‹
›Lorenz, Lorenz,‹ rief mein Vater, ›sprich nicht so in deinem blinden Hasse, den du nicht einmal für dich, sondern nur um unseretwillen hegest! Wir sorgen jeder für unser Brot; und am Ende ist gar alles nur ein leer' Gerede!‹
Aber Lorenz schüttelte den Kopf. ›Sie wissen, Herr, ich geh' nicht gern hinten aus unserer Brauhaustür, seit einem da das rote Dach so in die Augen scheint; aber gestern hatte unser Pikas sich von der Kette losgerissen. Als ich eben auf den Weg hinaustrete, sehe ich Marx Sievers seinen Ältesten mit zwei Tonnen auf dem Wagen von dort oben herunterkommen. ›Na, Hans,‹ sag' ich, als er näher kommt; ›du holst dir auch wohl dein Bier jetzt von dem neuen Brauer?‹ — ›Ja,‹ sagt er, ›Lorenz, das tu' ich.‹ — ›Und warum,‹ frag' ich, ›tust du das? Seit deines Großvaters Zeiten habt Ihr euer Bier doch immer nur bei uns geholt.‹ — ›Ja,‹ antwortet er und schlägt schon wieder auf seine Pferde; ›dazumal lebte auch Peter Liekdoorn noch, und wir hatten noch keinen Finger in unserem Bier gefunden!‹ Und damit war er schon in vollem Trab davongefahren.‹
Unser Vater sah voll Bekümmernis auf seinen alten Knecht. Als dieser schwieg, sagte er leise: ›Dann stehe Gott uns bei; denn Marx Sievers und seine Söhne sind wahrhaftige Leute!‹
Meine Mutter hatte seine Hand ergriffen; aber er entzog sie ihr und ging unruhig in der Stube auf und ab. Als jedoch Lorenz Miene machte, sacht hinauszugehen, zog er seine Uhr und sagte: ›Das hat uns auch um Gottes Wort gebracht; es ist zu spät, um nun noch in die Kirche zu gehen. Spann den Braunen vor die Karriole, Lorenz! Ich will gleich selber mit Marx Sievers sprechen.‹
— — So fuhren sie denn hinaus; und mein Vater hat es uns damals und auch später oft genug erzählt! ›Unterwegs,‹ sagte er, ›nahm ich Lorenz Zügel und Peitsche aus der Hand, weil er immer noch zu langsam fuhr; aber mit unserer Ungeduld ist nichts getan!‹
Als sie endlich vor Marx Sievers großem Haustor hielten und dann mein Vater in die weite Lohdiele trat, war dort alles tot und still und keine Menschenseele sichtbar. Nach einer Weile kam eine Magd. ›Sie sind noch alle in der Kirche,‹ sagte sie, ›des Pastors Sohn, der Student, predigt; aber es muß bald aus sein.‹ — ›So will ich warten,‹ sagte mein Vater, und ließ sich die Tür zur Wohnstube öffnen. Aber der junge Gottesmann mußte einen weiten Weg genommen haben bis zum heiligen Vaterunser. Draußen saß Lorenz auf der Karriole und klatschte dann und wann mit seiner Peitsche; drinnen stand mein Vater und studierte die Glasmalerei auf den alten Fensterscheiben, welche die Belagerung Tönnings durch den General Steenbock darstellte. ›Wohl hundertmal,‹ sagte er, ›hatte ich schon die schwedischen Soldaten gezählt, ohne was dabei zu denken, oder doch nur, um wieviel leichter es sein müßte, in diesem gelben Kriegshaufen mit zu fechten, als eine Reise zu tun, wie ich sie heute machen mußte.‹
Endlich aber war es draußen auf der Lohdiele lebendig geworden; nach ein paar mit der Magd gewechselten Worten trat der Bauer mit seinem ältesten Sohn ins Zimmer. Den Gruß meines Vaters erwiderte er kurz und trocken, und ging erst an den Türhaken, um seinen Hut daran zu hängen; dann stemmte er beide Fäuste mit den Knöcheln auf den Tisch und sagte:
›Ihr Fuhrwerk, Herr Ohrtmann, wär' ich am mind'sten vor meiner Tür vermuten gewesen; aber Sie kommen wohl, um sich das Geld für Ihre letzte Tonne Bier zu holen?‹