Da endlich hörten wir die Haustür gewaltsam aufreißen.

›Das ist Christian!‹ sagte meine Mutter. ›Was wird der wieder zu erzählen haben!‹ Aber es war unser Vater, dem freilich Christian mit seiner Rechentafel auf dem Fuße folgte.

›Nun,‹ rief meine Mutter, ›haben sie gestanden? Sind die Diebe festgenommen?‹

Aber er schüttelte den Kopf und schwenkte, ganz außer Atem, ein beschriebenes Papier in seiner Hand. ›Mutter, Kinder!‹ rief er endlich, ›es ist lauter Dunst gewesen; nun wird alles wieder gut! Aber dem alten Hennings, dem Mann hätt' ich die Füße küssen mögen! Und das, das hier — das kommt ins Wochenblatt!‹ Seine Augen glänzten, seine Stimme bebte; uns war, als ob er alles durcheinanderspräche. Aber dann gab er mir das Blatt und sagte: ›Lies, Nane; aber laut und deutlich! Siehst du, des Bürgermeisters Name steht darunter, und das Siegel ist auch dabei gedrückt!‹

Und dann las ich, und noch heute weiß ich jedes Wort; denn uns allen war, als ob eine Himmelsbotschaft in unser dunkles Haus gekommen wäre. ›Wenn‹ — so stand da — ›einer unserer geachtetsten Mitbürger, der Brauer Josias Christian Ohrtmann, durch unbedachte Zungen in Verdacht geraten, als ob der von dem Körper des hierselbst hingerichteten armen Sünders abhanden gekommene Finger sich in seinem Biere vorgefunden, so wird zur Steuer der Wahrheit, und um unverdienten Schaden von einem ehrenwerten Manne abzuwenden, hierdurch bekannt gegeben, daß nach sorgsamer, durch den hiesigen Herrn Apotheker Hennings unter Zuziehung der Behörde vorgenommener Untersuchung der Verdacht erregende Gegenstand sich lediglich als eine verhärtete Gest- oder Hefemasse herausgestellt, welche durch besondere Zufälligkeiten die Form eines menschlichen Daumens angenommen hatte.‹

So lautete der Inhalt Wort für Wort,« sagte die Erzählerin; »wer sollte so was auch vergessen können! Mein Vater aber hatte plötzlich seine Hände vor der Brust gefaltet. ›Mutter! Kinder!‹ sagte er ruhig, ›Gott ist barmherzig und ein Gott der Liebe! Er prüfet wohl, doch er verlässet keinen, der in seiner Schwachheit gerecht vor ihm zu wandeln trachtet.‹ Und dann betete er laut; ich habe niemals ein so heißes Dankgebet aus eines Menschen Munde gehört. Meine vierzehnjährige Schwester war auf die Knie gesunken und sprach ebenso laut die Worte nach, die über seine Lippen strömten.

Auf unseren Christian aber hatte die Freudenbotschaft auch noch eine andere Wirkung. Als wir noch alle schweigend um unseren Vater standen, bemerkte ich auf einmal, daß er wiederholt mit der doppelten Faust als wie zur Übung in die leere Luft hineinschlug.

›Christian! Christian!‹ rief unsere Mutter, ›was treibst du da für Faxen?‹

Christian tat erst noch einen Lufthieb und schaute dabei sehr fröhlich aus seinem heut ganz braun und blauen Angesicht. ›Verdamm mich, Mutter!‹ sagte er, denn er fluchte wirklich mitunter ganz gotteslästerlich; ›verdamm mich, Mutter! Nun sollen die Jungens aber Prügel haben!‹

›Pfui, schäm dich!‹ rief sie. ›In solchem Augenblick an so was nur zu denken!‹