Er ließ zwar etwas beschämt den Kopf hängen, dann aber murmelte er: ›Ja, Mutter, verdamm mich! Sie sollen es aber doch!‹ Und geschwinde tat er noch einmal einen Fausthieb durch die Luft.

Mein Vater, der dergleichen sonst nicht leiden konnte, strich heute seinem hitzköpfigen Knaben nur lächelnd übers Gesicht; er war zu glücklich, um jetzt ein tadelndes Wort zu sprechen.

›Hole mir lieber unseren Lorenz, Christian,‹ sagte er, ›damit wir auch ihm den Stein von seinem Herzen nehmen!‹

Und dann wurde Lorenz geholt; und ich las noch einmal. Als ich fertig war, standen dem alten Menschen die Augen dick voll Tränen.

›Sehen Sie wohl, Herr!‹ sagte er und schlug sich leise mit der Hand gegen seine Brust:

›Lorenz Hansen is mein Nam';
Gott hilf, daß ich in'n Himmel kam!‹

›Amen,‹ sagte mein Vater. Dann wurde Christian mit dem Schriftstück in die Druckerei geschickt.

— Als wir später bei unserem Nachmittagskaffee saßen, bemerkte ich, daß unser Vater einige Male ganz schelmisch nach seinem Pfeifenbrett hinüberblinzelte. ›Was meinst du, Nane,‹ sagte er heiter, ›wenn du mir heut einmal den großen Meerschaum stopftest?‹ — Ich war fast verwundert; denn da er das Rauchen eigentlich nur für reiche Leute schicklich hielt, so erlaubte er sich sonst nie vor Feierabend seine Pfeife Portoriko; die silberbeschlagenen Meerschaumköpfe aber, die beide sorgsam mit einem Seidentuch umwunden waren, die kamen stets nur Sonntags von der Wand. Als ich dessen ungeachtet jetzt die schöne Pfeife stopfte, nickte er mir freundlich zu: ›Und nun geh auch in die Küche,‹ fuhr er fort, ›und brenn sie mir selber an; und wenn du das getan hast, dann hole den Kalender und ziehe unter diesen Tag mit deinem Rotstift einen breiten Strich! Unser Wandsbecker Bote hat so viel Haus- und Jahresfeste; nun haben auch wir eines! Und wenn der Tag sich jährt, dann vergiß niemals, mir schon beim Kaffee meinen großen Meerschaumkopf zu stopfen!‹

— Unser Vater war wohl kein schöner Mann, er hatte nur seine treuen, blauen Augen; aber an diesem Tage, und wie er so seelenfroh aus seinem Meerschaum rauchte, fanden meine Schwester und ich ihn beide so hübsch, daß wir gegenseitig ihn uns immer wieder zeigen mußten.«

Die alte Dame schwieg, als ob ihre Erzählung hier zu Ende sei; mir aber war, als sei das eigentliche Ziel derselben noch von ihr zurückgehalten.