Die Greisin nickte langsam mit dem Kopf und sah eine Weile schweigend vor sich hin. »Ja, ja!« sagte sie dann, fast wie beschämt, »es ist nun freilich schon über fünfzig Jahre her, daß sie begraben wurde. Ihr Fächer, der mit Schmelz und Flitter, liegt noch drüben im Saal in der Spiegelkommode; ich habe ihn aber gestern nicht finden können.«
Der Enkel vermochte ein Lächeln nicht zu unterdrücken. Die Großmutter bemerkte es und sagte: »Deine Braut, der Wildfang, ist mir wohl wieder über meinem Kram gewesen. Ihr sollt mir das nicht zu euren Possen gebrauchen!«
»Aber, Großmutter, wie sie neulich abends in deinem Reifrock durch den Garten promenierte — ihr wäret alle eifersüchtig geworden, wenn sie anno Neunzig so in eure Laube getreten wäre.«
— »Du bist ein eitler Junge, Martin!«
»Freilich,« fuhr er fort, »die fremden braunen Augen hat sie nun einmal; die kommen jetzt ohne Gnade in die Familie!«
— »Nun, nun!« sagte die Großmutter, »die braunen Augen sind schon gut, wenn nur ein gutes Herz herausschaut. — Aber den Fächer soll sie mir in Ehren halten! Tante Fränzchen trug ihn auf deines Großvaters Hochzeit, und mich dünkt, ich sehe sie noch mit der dunkelroten Rose in den Haaren. Nachher hat sie dann nicht gar lange mehr gelebt. — Es war eine große Liebe zwischen den Geschwistern; sie hat ihrem Bruder dazumalen auch ihr Porträt geschenkt, und dein Großvater hat es, so lange er lebte, bei sich in seiner Schreibschatulle gehabt. — Später hingen wir es denn hierher, zu ihm und zu den Eltern.«
»Sie ist wohl schön gewesen, Großmutter?« fragte der Enkel, indem er nach dem Bilde hinüberblickte.
Die Großmutter schien ihn nur halb zu hören. »Sie war ein kluges Frauenzimmer,« sagte sie, »und sehr geschickt in der Feder. Während dein Großvater in Marseille war, und auch wohl später noch, hat sie dem alten Vater alle Jahre die Klosterrechnungen ausgeschrieben; denn er war Klostervorsteher und dann Ratsverwalter, ehe er zweiter Bürgermeister wurde. — Sie hatte auch eine schlanke, wohlproportionierte Figur, und dein Großvater pflegte sie wohl mit ihren feinen Händen zu necken; aber heiraten hat sie niemalen wollen.«
»Gab es denn derzeit keine jungen Männer in der Stadt, oder haben ihr die Freier nicht gefallen?«
»Das,« sagte die Großmutter, indem sie mit den Händen über ihren Schoß strich, »das, mein liebes Kind, hat sie mit sich in ihr Grab genommen. — Man sagte wohl, sie hab' einmal einen leiden können; — Gott mag es wissen! Es war ein Freund deines Großvaters und ein reputierlicher Mensch. Aber er war Offizier und Edelmann; und dein Urgroßvater war immer sehr gegen das Militär. — Auf deines Großvaters Hochzeit tanzten sie miteinander, und ich erinnere mich wohl, sie machten ein schönes Paar zusammen. Unter den Leuten nannten sie ihn nur den Franzosen; denn er hatte rabenschwarzes Haar, das er nur selten pudern ließ, wenn er nicht just im Dienste war. Es ist aber das letztemal gewesen; er nahm bald darauf seinen Abschied und kaufte sich weit von hier einen kleinen Landsitz, wo er noch einige Zeit nach deines Großvaters Tode mit einer unverheirateten Schwester gelebt hat.«