Der Enkel unterbrach sie. »Es muß damals ein andres Ding gewesen sein um die Herzensgeschichten,« sagte er nachdenklich.

»Ein andres Ding?« wiederholte die Großmutter, indem sie ihrem Körper für einen Augenblick die Haltung der Jugend wiederzugeben suchte. »Wir hatten so gut ein Herz wie ihr und haben unser Teil dafür leiden müssen. — Aber,« fuhr sie beruhigter fort, »was wißt ihr junges Volk auch, wie es dazumalen war. Ihr habt die harte Hand nicht über euch gefühlt; ihr wißt es nicht, wie mäuschenstille wir bei unsren Spielen wurden, wenn wir den Rohrstock unsres Vaters nur von ferne auf den Steinen hörten.«

Martin sprang auf und faßte die Hände der Großmutter.

»Nun,« sagte sie, »es mag vielleicht besser sein, so wie es jetzo ist. Ihr seid glückliche Kinder; aber deines Großvaters Schwester lebte in den alten Tagen. — Seit wir nach unsrer Hochzeit das untere Stockwerk hier im Hause bewohnten, kam sie gern zu uns herunter; manchmal auch saß sie stundenlang bei deinem Großvater im Kontor und half ihm bei seinen Schreibereien. Im letzten Jahre, seit ihre Kräfte abzunehmen anfingen, fand ich sie wohl zuweilen über ihren Rechnungsbüchern eingeschlafen. Dein Großvater saß dann stille fortarbeitend ihr gegenüber an der andren Seite des Pultes, und ich erinnere mich noch gar wohl an das trauervolle Lächeln, womit er, wenn ich zu ihnen eintrat, mich auf die schlafende Schwester aufmerksam zu machen pflegte.«

Die Erzählerin schwieg eine Weile und blickte mit weit geöffneten Augen vor sich hin, während sie mechanisch ihre Tasse schwenkte und mit Behutsamkeit die Neige ausschlürfte. Dann, nachdem sie die Tasse neben sich auf die Fensterbank gestellt hatte, sprach sie langsam weiter: »Unsre alte Anne konnte nicht genug davon erzählen, wie lustig und umgänglich ihre Mamsell in jüngeren Jahren gewesen sei; auch war sie die einzige von den Kindern, die bei Gelegenheit mit dem Vater ein Wort zu reden wagte. — So lange ich sie gekannt, ist sie immer still und für sich gewesen; zumal, wenn der Vater im Zimmer war, sprach sie nur das Notwendige, und wenn sie just gefragt wurde. Was da passiert sein mag — dein Großvater hat nie davon gesprochen: — nun sind sie alle längst begraben.« —

Der Enkel betrachtete das Bild des Urgroßvaters, und seine Augen blieben an den strengen Linien haften, die den starken Mund von den Wangen schieden. »Es muß ein harter Mann gewesen sein,« sagte er.

Die Großmutter nickte. »Er hat seine Söhne bis in ihr dreißigstes Jahr erzogen,« sagte sie. »Sie haben darum bis in ihr spätes Alter auch niemals so recht einen eignen Willen gehabt. Dein Großvater hat es oft genug beklagt. Er wäre am liebsten ein Gelehrter geworden, wie du es bist; aber die Firma verlangte einen Nachfolger. Es waren damals eben andre Zeiten.«

Martin nahm das Bild des Großvaters von der Wand. »Das sind milde Augen,« sagte er.

Die Großmutter streckte die Hände aus, als wollte sie aus ihrem Lehnstuhl aufstehen; dann ließ sie sie langsam ineinandersinken. »Jawohl, mein Kind!« sagte sie, »das waren milde Augen! Er hatte keine Feinde, — nur einen mitunter — und das war er selber.«

Die alte Haushälterin trat herein. »Es ist einer von den Maurerleuten draußen; er wünscht den Herrn zu sprechen.«