Da drang ein Weinen an ihr Ohr. Es war nicht ihr Kind, das ahnungslos in seiner Wiege lag und schlief; Nesi hatte sich unbemerkt hereingeschlichen; sie stand mitten im Zimmer und sah mit düsteren Augen auf die Stiefmutter, während sie schluchzend in ihre Lippe biß.
Ines hatte sie bemerkt. "Du weinst, Nesi?" fragte sie.
Aber das Kind antwortete nicht.
"Warum weinst du, Nesi?" wiederholte sie heftig.
Die Züge des Kindes wurden noch finsterer. "Um meine Mutter!" brach es fast trotzig aus dem kleinen Munde.
Die Kranke stutzte einen Augenblick; dann aber streckte sie die Arme aus dem Bett, und als das Kind, wie unwillkürlich, sich genähert hatte, riß sie es heftig an ihre Brust. "O Nesi, vergiß deine Mutter nicht!"
Da schlangen zwei kleine Arme sich um ihren Hals, und nur ihr verständlich, hauchte es: "Meine liebe, süße Mama!"
—"Bin ich deine liebe Mama, Nesi?"
Nesi antwortete nicht; sie nickte nur heftig in die Kissen.
"Dann, Nesi", und in traulich seligem Flüstern sprach es die Kranke, "vergiß auch mich nicht! Oh, ich will nicht gern vergessen werden!" —Rudolf hatte regungslos diesen Vorgängen zugesehen, die er nicht zu stören wagte; halb in tödlicher Angst, halb in stillem Jubel; aber die Angst behielt die Oberhand. Ines war in ihre Kissen zurückgesunken; sie sprach nicht mehr; sie schlief—plötzlich.