Und endlich war dem Hause ein Kind, ein zweites Töchterchen, geboren. Von außen pochten die lichtgrünen Zweige an die Fenster; aber drinnen in dem Zimmer lag die junge Mutter bleich und entstellt; das warme Sonnenbraun der Wangen war verschwunden; aber in ihren Augen brannte ein Feuer, das den Leib verzehrte. Rudolf saß an dem Bett und hielt ihre schmale Hand in der seinen.

Jetzt wandte sie mühsam den Kopf nach der Wiege, die unter der Hut der alten Anne an der andern Seite des Zimmers stand. "Rudolf", sagte sie matt, "ich habe noch eine Bitte!"

—"Noch eine, Ines? Ich werde noch viel von dir zu bitten haben."

Sie sah ihn traurig an; nur eine Sekunde lang; dann flog ihr Auge hastig wieder nach der Wiege. "Du weißt", sagte sie, immer schwerer atmend, "es gibt kein Bild von mir! Du wolltest immer, es solle nur von einem guten Meister gemalt werden—wir können nicht mehr warten auf die Meisterhand. —Du könntest einen Photographen kommen lassen, Rudolf; es ist ein wenig umständlich; aber—mein Kind, es wird mich nicht mehr kennenlernen; es muß doch wissen, wie die Mutter ausgesehen."

"Warte noch ein wenig!" sagte er und suchte einen mutigen Ton in seine
Stimme zu legen. "Es würde dich jetzt zu sehr erregen; warte, bis deine
Wangen wieder voller werden!"

Sie strich mit beiden Händen über ihr schwarzes Haar, das lang und glänzend auf dem Deckbette lag, indem sie einen fast wilden Blick im Zimmer umherwarf.

"Einen Spiegel!" sagte sie, indem sie sich völlig in den Kissen aufrichtete. "Bringt mir einen Spiegel!"

Er wollte wehren; aber schon hatte die Alte einen Handspiegel herbeigeholt und auf das Bett gelegt. Die Kranke ergriff ihn hastig; aber als sie hineinblickte, malte sich ein heftiges Erschrecken in ihren Zügen; sie nahm ein Tuch und wischte an dem Glase; doch es wurde nicht anders; nur immer fremder starrte das kranke Leidensantlitz ihr entgegen.

"Wer ist das?" schrie sie plötzlich. "Das bin ich nicht!—Oh, mein Gott!
Kein Bild, kein Schatten für mein Kind!"

Sie ließ den Spiegel fallen und schlug die mageren Hände vors Gesicht.