Die Politik war Thorbecke durchaus verhaßt, er empfand eine förmliche Idiosynkrasie dagegen und bildete darin einen schreienden Contrast mit dem unglücklichen Obersten Massenbach, welcher sich vor seiner Vertreibung aus dem Badischen und vor seiner Gefangennehmung in Frankfurt eine Zeitlang in Heidelberg aufhielt. — »Mein Gott, wie kann man so wenig Interesse an dem öffentlichen Wohl nehmen,« rief einst Massenbach mit seinen blitzenden, achtzehnjährigen Augen, als Thorbecke die vom Kellner ihm präsentirten neuen Zeitungen auf einen Nebentisch warf, welches der Poet kalt mit der Bemerkung beantwortete: »Herr Oberst! wie muß man innerlich zerfallen sein, wenn man sich mit dem Tranke eitler Politik erlaben und erfreuen will.«
Im Jahre 1818 vollzog August Wilhelm Schlegel, unter den Studenten gewiß mit Recht spottweise »Fräulein Schlegel« genannt, sein Beylager mit der Tochter des Kirchenraths Paulus, seine Flitterhochzeit ohne Flitterwochen.
»Ich hin sonst allen Menschen gut
Aber seine Gegenwart bewegt mir das Blut.«
möchte ich bei der Erinnerung an diesen gepriesenen Schriftsteller ausrufen, über den ich weiter kein Urtheil fällen will, wider den ich aber die stärkste Abneigung fühle, die ich gegen einen Menschen empfunden habe.
Die Bonner Studenten haben mir im Jahre 1838 folgende sehr glaubliche Thatsache von August Wilhelm Schlegel mitgetheilt, daß er dann und wann Damengesellschaften gebe, vorher aber seine eignen Büsten, die allein seinen Salon zieren solle, bekränzen lasse; dann aber wenn alle versammelt seien, eintrete, beim Anblick der Büsten stutze, und sich bei den Damen, als die Bekränzung von ihnen herrührend, mit versuchten Erröthen, bedanke. —
Jean Paul schien meine Idiosynkrasie zu theilen; er hatte eine Scheidung von Tisch — wie Schlegel mit seiner Frau vom Bett, mit dem Kammerherrn und Kammerdiener der Frau von Staël stillschweigend mit ihm verabredet. Beide logirten in Karlsberg, alternirten aber jeden Tag an der Wirthstafel, und zwangen die neugierigen Studenten, welche gerne die beiden »Haupthähne« der Literatur kennen lernen wollten, zwei Mittagsessen zu bezahlen, weil Jeder der Poeten der Anderswoseiende des Gegenwärtigen war.
Die Burschenschaft hatte gar bald die Idee gefaßt, dem großen Jean Paul Richter, dem Dichter der Unschuld und der Armen, wie ihn der geistreiche Börne in seiner unübertrefflichen Lobrede nennt, ein würdiges Lebehoch zu bringen. Sie hatten sich sogar deshalb den Landsmannschaften genähert. Allein das ungerechte Verlangen dieser, die etwa aus hundert und funfzig bestehende Burschenschaft, solle nur als ein einziges Corps, also equal der aus einem Schweizer bestehenden Landsmannschaft sein, und hienach das Contingent der Marschälle, Festordner, Adjudanten und Chapeaux d’honneur bilden, wurde von der Burschenschaft verworfen, die billig genug, nach physischen Köpfen, die verhältnißmäßige Vertheilung der Ehrenstellen verlangt hatte. Die desfalsigen Verhandlungen erregten indessen bei den Vätern der Universität gerechte Unruhe. Es wurde ein Placat erlassen und die Feierlichkeit verboten, weil sich die Herren Studiosen über die Ausführung derselben nicht vereinigen könnten.
Die Landsmanschaften lachten, denn Wenigen lag in der That daran, dem edelsten Herzblut, das auf der Erde schlug, zu huldigen. — Andere Gefühle erweckte diese Verordnung bei der Burschenschaft, die sich noch an demselben Abende in der Hirschgasse versammelte, und nach einer ergreifenden Rede des Sprechers, sich sofort zu einem Fackelzuge vereinigte und denselben in Bewegung setzte. Wie es nicht ungewöhnlich ist, daß man bei einer ungesetzlichen Handlung alle übrigen Formen genau beachtet, so ward auch diesmal der Sperrkreuzer am Neckarthore gewissenhafter als je, zur kopfschüttelnden Verwundrung des ergrauten Thorwärters bezahlt, und das Licht der Liebe zog in Gestalt von Pechfackeln vor den Hecht, unausgeblasen von dem Pedellen und von dem an dem andern Tage Schiffer schreckenden Gott der Winde. Es ertönten die Worte: Es lebe Jean Paul[1], der große Dichter, der deutsche Mann! dann ein Gesang gedichtet von Carové, in Ermanglung eigner Melodie auf die Töne des »God save the king« gepfropft. Jean Paul erschien beim ersten gehörten Ausruf. — Die breite Stirn, das nur vom Anblick der Götter erblindete blaue göttliche Auge, die kräftige wenn gleich nicht große Gestalt, das deutsche, auf den Nacken hinabwallende Haar ergriff die Troßbuben und Knappen des poetischen Lebens und nicht wenige vergossen seit ihrem Abschied aus dem Vaterhaus die ersten Thränen. Aber auch Jean Paul entfielen Perlen aus den Wogen eines unsterblichen Gefühls. Kaum hatten die letzten Töne die mit des Dichters Locken spielenden Lüfte durchzittert, als er ausrief: »Mit dem großen Dichter irrt Ihr Euch meine Kinder, aber nicht mit dem Deutschen Mann. Diese Ehre konnte mir nur die Heidelberger Burschenschaft anthun, dafür habe ich während Eures Liedes Gott gebeten, daß er Euch Alle segne. Ich wollte, ich wäre Briareus der Hundertarmige, um Euch mit reichlichen Händedruck Eure Liebe zu vergelten.«
Nachdem Jean Paul diese Worte geredet hatte, ging er in dem ihn immer enger umziehenden Kreise umher, jedem die Hände reichend aus denen schon so viele Segnungen auf die Menschheit geströmt waren. Es war als ob ihnen magnetische Funken entsprühten, deshalb konnte ich nicht umhin, meinen Platz im Kreise zu verlassen, um noch einige Mal den Humoristen zu berühren. Als ich ihm aber das dritte Mal die Hand reichte fiel mir mein Unrecht ein, die subjective Freiheit nicht mehr zum Wohl Aller beschränkt zu haben, und fast kleinlaut rief ich dem großen Dichter zu: »Vergeben Sie, ich habe Sie schon zwei Mal um einen Händedruck betrogen.« »Thut nichts junger Freund,« lächelte Jean Paul, »hier ist noch der vierte und fünfte Händedruck.«