Man bildete jetzt ein Spalier. »Auf die Hirschgasse,« riefen einige Musensöhne, »da ist ein gutes Bier,« wohl wissend wie sehr der alte Dichter ein solches Getränk zu würdigen verstand. »Ich gehe mit Euch,« rief Jean Paul und schritt mit unbedecktem Haupte vorwärts. Allein Carrové und Ferdinand Walter wußten wol wie schwierig es sei, den alten Barden mit ziemlicher Rede zu bewirthen und welchen tollen Begeisterungen er ausgesetzt werde. Sie beredeten ihn daher zur Rückkehr. — Am andern Morgen ließ uns Jean Paul durch seinen Freund, den liebenswürdigen Professor Heinrich Voß sagen: Er habe in der vorigen Nacht vor Freude nicht geschlafen, er hoffe in der nächsten übrigens den Fackelzug noch einmal im Traume zu erleben.

In jener Zeit war ein Clair-voyant in Heidelberg, welcher ein sehr großes Aufsehen und namentlich Jean Pauls Aufmerksamkeit erregte. Der Mann hieß wenn ich nicht irre »Auth,« war der Sohn eines Quacksalbers und mochte in seiner Jugend von allerhand Medicamenten, namentlich aus dem Reiche der Vegetabilien gehört haben, welche er in seinem magnetischen Schlafe gar häufig verschrieb. Er saß alsdann auf einem etwas erhöheten Platze, in einem großen Kreise zu dem Grafen und Fürstinnen sich eingefunden hatten. Jean Paul, Carrové und mehrere Andere verzeichneten als Schnellschreiber seine Orakelsprüche, welche der Professor Schelver, sein Magnetiseur, ihm abfragte. Mir waren fortwährend seine vielen barbarischen gramatikalischen Fehler anstößig, und gerieth ich schon damals zu der festen Überzeugung, daß der Zustand des Hellsehens zwar alles Erlernte, scheinbar Vergessene wieder beleben und dem Geiste vorführen kann, daß er aber nicht im Stande ist, ein noch nicht angeeignetes Wissen plötzlich in den Clairvoyant zu verpflanzen, wodurch man denn zu dem Schluß kommt, daß man nur Ärzte, als Männer von Fach in der höchsten Potenz magnetisiren sollte.

Man trug sich damals allgemein mit folgender Historie herum. Das Collegium medicum und namentlich der Professor Tiedemann sei beauftragt worden den Zustand des Clairvoyants Auth zu untersuchen und sich zu vergewissern, daß derselbe kein Betrüger sei. Einer der Commissionsherren, selbst ein Dilettant im Magnetisiren, habe sich mit Auth auch wirklich in Rapport gesetzt und in den magnetischen Schlaf gebracht. Als man nun aber Fragen an den Patienten gerichtet habe, sei dieser in Zuckungen verfallen und habe sich ein so großes Gewächs am Halse, jede Minute mehr anschwellend erhoben, daß man Schelver haben rufen müßen, der mit zwei Strichen, Krämpfe und Gewächs habe verschwinden lassen.

Jean Paul setzte die Möglichkeit sich in magnetischen Rapport mit einem Andern zu versetzen, lediglich in den Willen des Anderen, des Stärkern. Ich erlaubte mir ihm dagegen zu bemerken, daß wenn dies in Wahrheit gegründet sei, der Wille manches Menschen gewiß seinen Regenten schon in magnetischen Schlaf versetzt hätte, worüber der Dichter lächelte und in die beste Laune gerieth.

Ein andermal ging ich in seiner und einer größern Gesellschaft in den Ruinen des Heidelberger Schlosses umher. Plötzlich blieb er gedankenvoll bei einer Blume stehen, die eine Spinne mit ihrem schnellgefertigten Netze umspann. Als die Geschäftige die Blumenfinsterniß vollendet hatte, und gleich darauf einige Fliegen fing, rief der große Humorist mir lächelnd zu: »Das ist das leibhaftige Bild des Recensenten.« Am andern Tage ging ich, über diese geistreiche Bemerkung nachsinnend, allein zu der recensirten Blume Wohnung. Ein Regenstrom hatte das Gewebe getrennt und die erquickte Rose strahlte schöner als gestern. Freilich war die Spinne ein Recensent, guter Jean Paul! aber der Regen war auch der Strom der Zeit und der andere Tag bildete die Nachwelt.

In demselben Hause worin Jean Paul wohnte, wohnte auch ein Student, den ich Meier nennen will, und der immer mit den größten Männern seiner Zeit zusammengewürfelt wurde. Meier hatte auch einmal Göthe besucht und den Platz neben dem Dichter im Sopha eingenommen. Plötzlich ging die Thür auf. Göthe, der alte Geheimerath von Göthe ging dem Freunde entgegen; der Bursch, welcher den Ankommling wie er sich nachher ausdrückte für einen Jenaer Philister gehalten hatte, blieb ruhig gegen alle Regeln der Lebensart auf dem Sopha sitzen. Der Fremde nahm Göthe’s Platz neben dem künftigen Doctor ein. Der Vater Faust’s und Mephistopheles aber sagte freundlich: »Ich muß die Herren doch mit einander bekannt machen: Der Herr Studiosus Meier, Seine königliche Hoheit der Großherzog von Sachsen-Weimar.«

»Jean Paul besucht mich alle Tage,« pflegte Meier wol zu renommiren, »ich weiß selbst nicht was er an mir findet, aber ich muß ihm immer erzählen. Nur von Poesie und namentlich von seinen Schriften darf ich bei Strafe seines höchsten Zornes nicht mit ihm reden. Ich mag den Kerl, wo man sich so viel ausmacht, nicht erzürnen.«

Es wäre interessant, die Studien, welche Jean Paul damals an Meier gemacht hat in seinen späteren Werken aufzusuchen. Ich behalte mir dieses Privatvergnügen vor und will den guten Meier je anpaulianisirt schon auffinden.

Jean Pauls intimster Freund in Heidelberg war der Professor Heinrich Voß, Sohn des alten Dichters »Johann Heinrich,« der in seiner reichlich vergeltenden Gegenfreundschaft so weit ging, daß er gewöhnlich als Jean Paulscher Agent kleine Zettelchen bei sich trug, auf welche er gute Einfälle, die er aussprechen hörte, verzeichnete, und dabei bemerkte, das ist etwas für meinen Jean Paul. Wirklich soll dieser eine Menge solcher Witzfunken auf einzelnen Blättchen gehabt, und wie bei jenem chinesischen Brettspiel die einzelnen Pflöcke, die einzelnen Witze zu einem Ganzen vereint haben. Das ist freilich denn oft auch in des Dichters Schriften zu bemerken, dessen Gedankenfügung nicht immer Mosaik-Arbeit, sondern oft durch lange ermüdende Brücken vereinigt ist. — Interessant sollen die Unterredungen zwischen Hegel und Jean Paul gewesen sein. Dieser, immer überwunden von dem Feldherrn der Gedanken, soll zur großen Ergötzlichkeit des Philosophen sehr geschickt in die Höhlen der Vorstellung geflohen sein.

Heinrich Voß war ein köstliches Gemüth, schade für ihn, daß es bei ihm nie zum Durchbruch aus dem Familienleben, zur Emancipation aus der väterlichen Gewalt, zur Selbstständigkeit und zu dem sittlichen Moment der Ehe kam. Er war und blieb, wie Wolf ihn, freilich in einem andern Sinne nannte, das puer heidelbergensis. Von sechs bis zwölf arbeitete er, damals größtentheils an der Shakespearschen Übersetzung, dann ging er zum Vater und las dem seine pensa vor. Sein ganzes Leben war den ganzen Tag über das Thun und Treiben eines unter der strengsten väterlichen Gewalt stehenden, kaum confirmirten Knaben. Er kannte bloß den Willen seiner Eltern. Nur am späten Abend liebte er eine heitere Gesellschaft, in der er, ohne Vorwissen seiner Eltern, stets der Letzte verweilte, und die er durch köstlichen Humor, vor Allen zu würzen verstand. Nichts desto weniger, obgleich er oft erst mit dem Mond zu Bette ging, begrüßte er stets die Sonne beim Lever. Solche Anstrengungen so wie der Mangel an Bewegung mußten den Tod des corpulenten Mannes erfrühen. — Einer der Genossen seiner Abendtafel war der jetzt gleichfalls verstorbene an der Heidelberger Schule angestellte Professor Martens, ein wohldenkender aber stets regierender Mann, welcher positiv nur seinen Lehrer, den alten Voß, noch mehr aber den dänischen Dichter Holberg anerkannte, den er, wie ein guter Theolog die Bibel, in jedem Lebensverhältniß zu citiren und zum Schiedsrichter zu machen verstand. Sein höchstwitziges Spottgedicht in Hexametern, auf die Manheimer Schneider, welche dem Kaiser Alexander die Krenk’ wünschen, weil dieser bei einem Heidelberger Kleidermacher einen Frack hatte machen lassen, ist mir leider abhanden gekommen.