Unter mehreren Briefen, welche ich von ihm besessen, finde ich nur noch einen einzigen, der freilich von nicht großem allgemeinen Interesse ist, aber doch von der bodenlosen Gutmüthigkeit zeugen mag, womit derselbe zu helfen bereit war.

Heidelberg, den 18. October 1817.

»Unser Freund M. hat mir gesagt, daß Sie wegen der Ferne Ihres Wohnortes und der gegenwärtigen Abwesenheit des Herrn von H. nicht sogleich die Summe von zweihundert Gulden aufzubringen wüßten, und mich gebeten, Ihnen solche vorstrecken. Wie gerne ich dies auf der Stelle gethan hätte, wissen Sie, aber gerade jetzt kann ich es nicht. Ich bitte Sie also die Summe von einem Andern aufzunehmen, verbürge mich hiermit, daß Sie solche am ersten Januar 1818 sammt der üblichen Vergütung wieder bezahlen werden, und leiste die Bürgschaft mit derselben Freude, wie ich sie meinem eignen Bruder würde geleistet haben. Sollten Ihre Gläubiger meine Handschrift nicht kennen, so bin ich jede Stunde bereit mich zu stellen, wenn Sie es fodern und mich als der Schreiber dieser Zeilen zu legitimiren. Auch bin ich erbötig, den von Ihnen zu schreibenden Schein über die Empfangssumme mit meiner Namensunterschrift zu unterzeichnen.«

Dr. Heinrich Voß,
Professor der Philosophie auf der
hiesigen Universität.

Zu den interessantesten Tischgästen, welche damals im Badischen Hofe dinirten, ist ein Domherr v. Wambold zu rechnen, ein Epikuräer, im edelsten Sinne des Worts, der seinen Stand schon im Heidenthum gegründet hätte; dann — Morstadt mein alter Freund, dieses Universalgenie, dessen Gehirn gewiß eben so viel Brei wie Cüvier, und wenigstens esprit pour quatre, hat, und ein origineller Liefländischer Baron Uexküll, der seinen 3jährigen Urlaub als Adelicher im Auslande schon seit zwanzig Jahren in Deutschland zu benutzen schien. Ich habe mit diesen Herrn die interessantesten Diners und Soupers meines Lebens verlebt.

Heinrich Voß hatte mich lieb gewonnen. Jeden wärmsten Momenten seiner Freundschaft pflegte der gute Sohn, mir wie einen Knaben von einer Weihnachtsbescheerung von dem Glück zu erzählen, seinem Vater vorgestellt zu werden. Schon um des Sohnes willen, aber auch von dem abgesehen, war mir die Bekanntschaft des berühmten und in so vieler Hinsicht verdienten Mannes erwünscht, welche mir noch dadurch erleichtert wurde, daß der alte Herr sich über eine Idylle, welche ich auf Geßners Leier schon auf der Hamburger Schule gedichtet, und die sich in meiner »Leier des Meisters in den Händen des Jüngers« befindet, günstig geäußert hatte.

Der alte Voß empfing mich in seinem mit einer hohen steinernen Mauer umgebenen Garten, in dessen Mitte seine Wohnung lag. Ich kann nicht sagen, daß sein Anblick auf mich einen günstigen Eindruck machte, ich fühlte mich um vier Jahre verjüngt von einem fremden Schulmonarchen stehend, der mir Horazens Kochsatiren erklärte. Denn nur Speisen, und wie man in Heidelberg die Zubereitung derselben nicht gehörig verstehe, waren der Inhalt seiner Anrede. Namentlich wurde Hegels Kohl als sehr blähend getadelt. — Dann ging der alte Herr auf seine Werke über und klagte, wie ihn sein Verleger von der Übersetzung irgend eines Autors, rücksichtlich der Zahl der gedruckten Exemplare betrogen, und im vorigen Jahre zu einer Reise in den Norden bewogen habe. — »Ich wußte es wohl,« redete er, »daß eine Schelmerei dahinter stecken mußte. Denn ich habe es noch nie erlebt, daß meine Bücher Ladenhüter geworden sind.« Zum Schluß erzählte Voß von Zacharias Werner, der katholisch geworden sei, obgleich er ihm, Voß, dem dieser Übertritt geahnet, so fest das Gegentheil versprochen habe. — Er zog jetzt mit allen Gründen gegen Werner zu Felde und endete dann mit dem mir unvergeßlichen Gevatterschnack: »Aber was sollte man auch von ihm erwarten? Als er das letzte Mal in meinem Hause war, hatte er, wie ich mit Bestimmtheit erfahren, im rothen Ochsen, wo er logirte, eine bedeutende Quantität Wein getrunken. Nichts desto weniger trank er so viel Wein bei mir, daß meine Ernestina, welche sonst nicht daran gewöhnt ist, ihren Gästen den Wem nachzuzählen, trippelnd zu mir kam, sprechend: Väterchen, Väterchen! sieh einmal wie der Mann trinkt.« — Diese Worte, denen Voß nicht die Thatsache hinzuzufügen vermochte, daß Werner berauscht mithin seiner Aufnahme unwürdig geworden sei, machten einen üblen Eindruck auf mich und veranlaßten mich der schließlichen Einladung des alten gewiß in so mancher Hinsicht verdienten und respectabeln Herrn, sein Hausfreund zu werden, nicht zu folgen. Ich habe ihm nie wieder gesehen, und hatte alle meine List nöthig um den Sohn, der jetzt Einladung auf Einladung zu seinen Eltern folgen ließ ausweichend zu bescheiden.


Drittes Kapitel.