Wiederum u. s. w.
Die ist diese Nacht gestorben.«
Während dieser Zeit brannte der älteste Sohn Joseph, der kräftigste Mann, den ich in meinem Leben gesehen habe, den sogenannten Quetschen- (Zwetschen-) Branntwein in einem nahe gelegenen Stalle. Diese Arbeit verrichtete er, es klingt unglaublich, den ganzen Winter hindurch von Abends eilf bis Morgens sechs Uhr und ging dann wieder, ohne der Ruhe zu pflegen, an seine Arbeit. Nur die Nacht auf den Sonntag und zwei Stunde Schlummer im Lehnstuhl am Abend gönnte sich der fleißige Haussohn. Das geht noch über die Vigilanz des Oldenburgischen Schauspiel-Directors Gerber, der bekanntlich sich nur drei von vier und zwanzig Stunden Ruhe gönnt.
Der alte Ditteney besaß das Geheimniß, fließendes Blut zu besprechen. Joseph hatte eine große Narbe auf dem Fuß und behauptete, der Hieb eines Beiles habe einst alle Adern zerschnitten. Auf den Zauberspruch seines Vaters sei der Lauf des Bluts indessen plötzlich gehemmt, dasselbe Experiment habe er übrigens mit gar vielen Leuten gemacht. Ich lachte, wie begreiflich über diese Thorheiten an die ich noch nicht glaube. — Aber das kann ich bezeugen, daß als die alte achtzigjährige Tante Philippine einst in der Abendsoirée vom Stuhl und sich ein Loch in den Kopf fiel, der alte Ditteney aber auf den Zuruf: »Vetter still er mir das Blut, er kann es ja,« herbei eilte, bei der Berührung des Zauberers die Blutströmung aufhielt und sich der letzte Tropfen mit den Haaren vercopulirte. Mich wollte er die Zauberformel nicht lehren, da er behauptete, ich müßte sie von einem Frauenzimmer erlernen, und den Umweg des Unterrichts durch seine Töchter nicht gestatten.
Nach sechszehn Jahren sah ich die Familie Ditteney wieder. Das Glück hatte sie damals noch mehr verlassen, als während meiner Burschenzeit. Der Alte fiel mir um den Hals und schien vor Freude närrisch zu werden, die Mutter war zum Kretin geworden. Der Schlag hatte sie gerührt, ihre Tochter Babette hatte sie so eben, wie ein Stück Bettzeug in die Sonne gelegt, welche Alles, nur nicht die Empfindungslose ruhig vor sich Hinstarrende, belebte. — Und doch passirte bei meinem Anblick das Unglaubliche, daß die seit drei Jahren total Stumme, auf meine Anrede, mich mit den gespenstigsten Augen, welche ich je, sei es im Leben oder auf einem Bilde gesehen, anstarrte, meinen Namen wenn gleich schwer, doch deutlich aussprach, — dann aber mit grinsenden Lächeln wieder in ihren Stumpfsinn versank, aus der sie erst vor zwei Jahren der Todesengel erlöst hat. —Der alte Papa Ditteney ist ihr schon mehrere Jahre vorangeeilt, Joseph noch Besitzer der Hirschgasse, Vater vieler Kinder und durch die Abfindung seiner zahlreichen Geschwister nicht in den besten finanziellen Umständen. Mein Anerbieten, eine öffentliche Auffoderung zu seiner Unterstützung an unsere reichen Universitätsfreunde ergehen zu lassen, von denen man doch nicht annehmen könne, daß alle ihre Herzen verknöchert und dem Teufel verfallen seien, lehnte er bestimmt ab. »Ich habe schon alschfort Zutraue zu meine Herre, wo fort seye, aber ich will lieber verhungern, als des mer sagen soll, der Joseph Ditteney habe bei seine alte Herre gebettelt.«
Außer den städtischen Cassinos, auf welchen es im Durchschnitt ziemlich langweilig zuging, wurde am Sonntag gewöhnlich vor allen Thoren getanzt, auf der Hirschgasse drehte sich aber der Burschenschaftler, in Neuenheim der Corpsbursche in dem damals beliebten Cotillon, zu welchem bei uns Babette Ditteney den zaghaften schwindeligen Fuchs einzutanzen pflegte. Kam ein Student von einer andern Parthei in das Tanzrevier des Andern, so hatte das gewöhnlich eine Herausfoderung zur Folge, es wurde wie man zu sagen pflegte, contrahirt. Der Bruch zwischen den Burschen aber wirkte begreiflicher Weise auch auf die Priesterinnen der Terpsichore. Wenn die Heidelberger Mädel Sonntags über die Neckarbrücke zogen, da ertönte es am Ende vor der sogenannten Clarina: »Kattel, kumm mit, wie machst Du mit de wüste Kurländer tanze?« Ei was frage ich darnach, sakramentsche, sodiramentische Altdeutsche, entgegnete die landsmanschaftlich Gesinnte, und Heidelbergs Töchter gingen jede nach ihrer Überzeugung, bald links, bald rechts. Nur die blonde dicke Lisette war neutraler, speculativer Natur, sie vereinigte Realität mit Begriff. Sie ging bald zur Hirschgasse bald nach Neuenheim, nur nicht dorthin, wo nicht getanzt wurde. — »Ich tanze mit alle Herre Juriste mit alle Herre wo brav sein,« war ihr neutraler Ausspruch.
Nie, nie hätte ich mir gedacht, daß die blonde ruhige Lisette, je eines so hochfahrenden Selbstmordes fähig geworden wäre. Und doch ist es wahr, daß sie von demselben Thurme, von dem ihr Geliebter, ein Schieferdecker, durch einen Zufall sich den Tod gegeben, — aus Verzweiflung hierüber, ihr mit Kummergedanken erfülltes Gehirn zerschellt hat. —
Zu den Sonntagstänzen fand sich wie in Gräfenberg, wo Fürsten und Handschuhmachergesellen, kirchhofsmäßig gesellt mit einander diniren, außer den Studenten, Alles ein, was tanzen wollte, Bürgersöhne und Handwerksgesellen, Bürgertöchter und Dienstmädchen. Um die Gesellschaft ein wenig aristocratischer zu machen, recitificirten die beiden G.— (v. B. der bekannte Pharaobanquier und der Besieger der Kurländer) und ich diesen Tanzbesuch an einem Wochentage dahin, daß nur Bürgertöchter und Studenten zugelassen wurden, an welche das billige Verlangen gestellt wurde, ohne Hunde, ohne brennende Pfeife und wenn derselbe kein alibo behaupte, auch im Frack zu erscheinen.
Diese ungeheure Reform war nicht ohne bedeutende Folgen. — Jetzt fingen die Bürgertöchter an wieder Subdivisionen zu machen, denn die Schmiede- und Bäckertöchter, ob durch den Reichthum der Eltern, was wenigstens bei dem Reichthum der Letztern begreiflich war, da diese alle zugleich Weinhandel trieben, oder durch sonst einen mir unbekannten Umstand, alliirt, erklärten sich für die einzigen Cassino fähigen Damen, welche nur ausnahmsweise andern Handwerkstöchtern dann und wann ein Eingeladenwerden zugestehen wollten. Und kann man sich es denken? die Bäcker- und Schmiedetöchter standen oft geputzt in ihrer Kammer und harrten der Botschaft ihrer von der Hirschgasse zurückkehrenden Dienstmädchen, welche erst durch das Saalfenster hatten gucken und sich überzeugen müssen, ob auch eine Schneider- oder gar Schustertochter auf das neue Cassino gegangen sei. Erfuhren sie das, so legten sie lieber weinend ihren Ballstaat ab, als daß sie in die Schand’ und Bosheit gewilligt hätten, mit den Pariatöchtern des Handwerksstandes zu tanzen. — Damals schüttelte ich ärgerlich den Kopf über solche Standesvorurtheile, durch das Leben bin ich freilich anders belehrt. Ich habe gelernt, daß es nur gar wenige hochherzige Menschen giebt, welche aus der Sphäre ihrer individuellen Aristokratie sich erheben können, daß dies gescheute Leute sind, welche aus Anerkennung fremden Verdienstes, vor jeder Selbstüberhebung zurückbeben und dabei vor Liebe nicht hassen und verachten können. — Ist es mir doch später einmal mit meinem eignen Stiefelwichser passirt, das er mir von seiner durch Trunksucht getödteten Frau erzählte und hinzusetzte: »Ich kann nicht begreifen, wie meine Frau so sehr an den Trunk gekommen ist. Sie ist von zu angesehener Familie. Ihr Großvater war der erste und einzigste Stiefelwichser seiner Zeit, der vier und dreißig Herren zu bedienen hatte.«