Heidelberg hatte gegen die Regel der Universitäten, wonach die Mädchen häufig nur zu frühe verblühen, viele hübsche Mädchen[5], welche übrigens die Vergänglichkeit der Studentenliebe wohl zu würdigen wußten und die zu heftigen Galanterien mit den Worten abzuweisen pflegten: »Ach des wissen wir schon, von denn Herrn Juriste nimmt unter zehen einer des Mädchen nit, wann er ihr die Eh’ auch versprochen hat.«

Ich hatte das Unglück in der Kettengasse zu wohnen, in welcher damals die beiden ersten Schönheiten des Stadtcassinos vis a vis residirten. Ich habe dermalen viel von Ständchen gelitten, wovon eins das andere mit Flötentönen und Gesang gebracht wurde. Oft rief ich ihm des Schlesiers D. auf mich gerichteten Witz zu: »Wenn du singst klingt es schön, wenn du aufhörst noch besser,« es giebt nichts unverbesserlicheres als einen verliebten Studenten.

Das rosige kindliche Fränzchen, die Jugendliebe meines theuersten Freundes St., hat den Lohn ausdauernder Treue gegeben und empfangen. Die himmlische Seligkeit der Erde war für sie zu groß. Die treue Gattin hat nach wenigen Jahren der reinsten ehelichen gegenseitigen Zärtlichkeit das Irdische gesegnet, nachdem sie ihm einen Sohn geboren, der mein lieber Pathe geworden ist.

Die anmuthige veilchengleiche S. R. ist an einen angesehenen Badischen Beamten verheirathet. Ich bin mehre Male Zeuge ihres häuslichen Glückes gewesen und habe über die Natur lächeln müssen, wie diese bemüht ist, die Züge der lieblichen Mutter trotz aller Variation in den Gesichtern der blühenden Kinder zu reproduciren.

Es mag mir hier vergönnt sein, eine kleine Episode einzuschalten, die vielleicht meinen Lesern bereits zu Gesichte gekommen, da sie aus einer frühern Erzählung genommen und von den literarischen Raubblättern mit Telegraphenschnelle verbreitet ist. Sie gehört aber zum Ganzen und glaube ich doch auch mehr Recht als ein Anderer zu haben, meine eignen emancipirten Kinder in meinem neu erbauten Hause meinen Gästen vorzustellen.

Als ich vor etwa sieben Jahren Heidelberg zum ersten Male wiedergesehn, besuchte ich den Wolfsbrunnen, das Schloß und den heiligen Berg; ich fand die schöne Natur unverändert und warf mich voll süßer Erinnerung an ihren unsichtbaren Busen. Auf der Schloßterrasse stiegen mir Eure Bilder, Du trefflicher Ammon, Du Bruderpaar Papa, Du, in Griechenland gefallener unglücklicher Ditmar, Du ewig gleicher Knobel, vor meiner Seele auf. Die Zeit hat unsere Körper getrennt, manche hat sogar der unerbittliche Tod geraubt, aber mit unsterblicher Flammenschrift strahlt ihr in dem vielleicht auch bald unter der Lebenslast brechenden Herzen. Wie wenig ist von unsern Träumen wahr geworden!!! Da fielst auch Du mir ein, süße Selmy! Du schönes Mädchen aus N., Du meine erste meine schüchterne Liebe, die Du im väterlichen Posthause, unter den vielen schönen Worten, die aus den Lippen der Musensöhne zu Deinen Ohren flutheten, wohl mein Herzenspochen überhört hast, aber mich doch, um meiner Bescheidenheit willen, den wilderen Gesellen vorzogst. Du warst damals schon Braut und konntest daher auf mich wirken wie eine Heilige. Ach! wärest Du in der Nähe, ich würde zu Dir eilen und Dich an die frohen Abende erinnern, die wir kurz vor der Abreise in Deinem väterlichen Hause zubrachten. Nie war ich so zufrieden mit meinen Versen, als wenn Deine Rosenlippen ihnen Beifall lächelten. Doch Du bist in der Schweiz, eine glückliche Hausfrau, die Gattin eines hoffentlich Deiner würdigen Mannes, die Mutter blühender Kinder. So weit geht mein Ziel nicht; meine Verse trogen, wenn ich Dir versprach, einst auf einer Schweizerreise an Deiner Pforte anzuklopfen. — —

Noch immer mich im Geiste auf dem Schloßberge wähnend, saß ich schon vor dem zweiten Gericht an der Abendtafel des Herrn Holwerth, als mich bei dem leise mir entquollenen Ausruf: »Selmy!« ein alter Süddeutscher Universitätsbekannter mit der Bemerkung aus meinen Träumen weckte: »Aha! Sie meinen die schöne Selmy aus N.? Nun die ist zu haben. Nach einer unglücklichen Ehe, die endlich der Tod ihres seit sechs Jahren vor seinem Ende schrecklich wahnsinnigen Mannes beschloß, ist sie zurückgekehrt nach N., lebt dort still und eingezogen, aber entstellt durch Kummer und Noth keinem ihrer früheren Bekannten mehr kenntlich.« —

Ein heftiges Feuer durchbebte mein Inneres bei diesen Worten. Die träge Nacht schwand mir in süßen Wachen und in kurzen noch süßeren Träumen. Hormuths Schimmel hatten bald ihre Aufgabe gelös’t, und die zehnte Stunde des folgenden Tages führte mich an den Ort, wo mein Herz beim Gedanken an das Wiedersehen so süß erbebte. Ich verlangte kein jugendliches Wesen, nur die Seele, wenn ich mich so ausdrücken darf, meiner liebenswürdigen heitern Selmy wieder zu sehen. Nur ihr freundlicher Blick war es, der meinen Geiste vorlächelte.

»Wohnt hier die Räthin N. N.?« fragte ich eine übelgestaltete Magd, die mit grinsendem Lächeln die Thür mit den Worten öffnete, die Frau Räthin sey drinnen. Hastig folgte ich dem dürren Zeigefinger, aber nicht ohne Schmerz und Erstaunen trat ich zurück, als ich in der mir gezeigten Dame ein altes Mütterchen erblickte, an der nur noch die, selbst im Erlöschen noch strahlenden Augensterne an meine geliebte Selmy mich erinnerten. Und sie schien mich nicht einmal zu erkennen. »Sind Sie Selmy?« fragte ich, ihre Hand ergreifend. Sie aber verneigte sich bejahend, mich fremd, fast mit Opheliablicken betrachtend. »Kennen Sie mich nicht mehr?« fragte ich fast ängstlich; »denken Sie sich einmal um siebenzehn Jahre zurück.« — »Sie haben vielleicht dermalen in Heidelberg studirt,« fuhr die Gefragte fort, »allein ich entsinne mich Ihrer nicht mehr.« — »Besinnen Sie sich einmal, ich bin ein Holsteiner,« fragte ich mit steigender Unruhe. — »Heißen Sie von Ahlefeldt?« - »Nein, das nicht.« Da fiel mir Geängstigtem Selmy’s Stammblatt ein, das ich seit sechszehn Jahren in meiner Brieftasche trug. Zitternd überreichte ich es, wie ein Jude einen Wechsel, dessen Abläugnung er fürchtet, »Haben Sie das geschrieben?« — »Ja!« versetzte die Frau mit starren Blicken, dann aber setzte sie bewegt hinzu: »Ach Sie haben gewiß viel von mir gehalten in der Zeit meiner Jugend und meines Glücks; ich habe durch entsetzliche Leiden alle meine Erinnerung daran verloren; diese beginnt erst in dem Momente, da der Priester meine Hand in die meines Mannes legte. Haben Sie mich darum nur lieb, wenn Sie es je gehabt haben; der schwere Schleier, der auf meinem Gedächtnisse ruht, wird dereinst schon fallen, und ich werde Sie erkennen.« — »Selmy!« rief ich und nannte ihr meinen Namen, »kennen Sie mich noch nicht? Sie müssen ein Stammblatt von mir besitzen.« — »Nein,« entgegnete sie, »Ihr Name ist mir nicht erinnerlich, allein ich besaß ein Blatt, daß mein Mann in einem Anfall von Wahnsinn zerriß; ich barg nur noch einige Reihen, Sie lauten: