»Klopf ich an deine Pforte an,

Einst im Verlauf des Lebens,

So sei es nicht vergebens.«

Das war mir zu viel. Thränen entstürzten meinen Augen; ich enteilte dem Hause. Vergebens bat mich Selmy zu bleiben oder wieder zu kommen. Nicht ohne feuchten Blick rief sie: »Ich will mich besinnen auf Sie, seien Sie nicht böse!« Schweigend eilte ich ins Wirthshaus, ließ meinen Kutscher anspannen und mit den Worten, welche ich mir oft wiederholte: »Die Menschheit vergißt innerhalb fünf Minuten Freundschaft und Liebe und will unsterblich sein!« warf ich mich in den Wagen, der meine Laune sehr verändert, mich nach Heidelberg zurücktrug. — —

Ich habe nur eine Weinlese in Heidelberg und zwar im Jahre 1818 erlebt. Die Freude in der Pfalz und am ganzen Rhein war ungemein. Die Trauben wurden unter Gesang und Jubel geschnitten, jedem Fremden davon gereicht, derselbe aber, wenn er alle Beeren pflückte und nicht mindestens nach altem Herkommen drei am Stiel gelassen hatte, wenn er denselben wegwarf, von den Winzerinnen mit einer hölzernen Pritsche unter dem lauten Zuruf »Herbschthau« gepritscht, und mußte sich durch ein Geschenk der ferneren Strafe entziehen. — Bald wurde der Übermuth in den Weinbergen allgemein, und da hatten die armen Schiffer, größtentheils Bewohner des Städtchens Eberbach, welche auf dem trägen Neckar sich langsam in den Kähnen fortbewegten, es am Schlimmsten, da sie stets von den lustigen Weinbergleuten mit den Spottnamen: »Eberbächer Kukuksfresser,« »Eberbächer Säckbrenner!« u. dgl. beehrt wurden. Zur Erklärung dieser Spitzworte muß ich bemerken, daß Eberbach ungefähr den Rang von Schöppenstedt, Schilda, Krähwinkel und Buxtehude hat und daß von seinem Magistrate erzählt wird, daß er einmal bei einem Spaßvogel, welcher ihm ein Gastgebot gegeben, im guten Glauben einen Kukuk für eine Schnepfe verspeist habe. Auch soll er bei einer andren Gelegenheit eine Menge neuer Rathssäcke zeichnen gewollt, sich dabei aber eines annoch zu glühenden Eisens bedient und so alle Säcke durchbrannt haben.

Sehr wenige ruhige Odenwäldische Schiffer fuhren wohl vorbei und thaten, als ob sie ihre Schande und das Gekicher der jungen Winzerinnen nicht hörten, allein wir sind alle Menschen, die nur bis zu einem gewissen Grade zu reizen sind. Machte Windstille und das plauderhafte Echo von der andern Seite zu sehr Compagnie mit den Spöttern; so hielten die Schiffer an, formirten wie die Franzosen heutigen Tages eine colonne mobile, erstürmten die Weinberge, wo sie sich entweder noch Schläge überher oder, wenn die großmäuligen Winzer wegen zu kleiner Anzahl geflohen waren, gezwungen erpreßte Küsse und Weintrauben holten.

Sobald der Wein in Gährung gekommen ist, etwa nach einem halben Jahre, wird er trinkbar und unter den Namen »ä Schoppe neie« gefordert. Er sieht dann aus als ob Kupfer in ihm aufgelös’t sei, ist sehr berauschend, scharf und bildet ein Mittelding von Wein und Schnapps. — Er war bei den rechten Trinkern ungemein beliebt und besonders nach oft fehlgeschlagenen Weinlesen sehr gesucht. Daher war es auch ganz erklärlich, daß kurz vor der Erndte einmal die Ziegelhäuser auf der Hirschgasse überlegten, wer sich in den nächsten neuen Wein wohl todt saufen würde. Gieb Acht Herr Special! den verwirgt der neie Wein hieß es dann von dem Einen wie von dem Andern, wogegen denn zuweilen etwa das Bedenken gemacht wurde: — »Eine Herbscht hält der Josep de neie wol aus, aber länger nit.«

Und es begab sich, daß, ein Jahr später, dieselben Leutchen wieder zusammen saßen. Jetzt recapitulirten sie ihre Reden, und wunderbar! alle die von ihnen dem Weintode Geweihten, selbst der Josep, hatten sich todt getrunken.

Adam Müller, jener bekannte Exprophet, lebte damals unfern Heidelberg, ich glaube, in Bretten. Wir, die Mitglieder der table d’hôte im Badischen Hofe, ließen ihn einmal kommen, um die Zukunft von ihm zu erfahren. Allein er verrieth nichts, indem er sich damit entschuldigte, daß er nur prophezeien könne, wenn der Geist es ihm eingebe. — Adam Müller affectirte zwar eine Jacob Böhmische Qualirung, einen gewissen Geistesdrang, kokettirte dabei aber noch mehr mit den Sechsbäznern, welche für ihn gesammelt wurden. — Der Pfarrer seiner Gemeinde, der einige Tage später mit uns zu Mittag speiste, bewahrheitete das Sprichwort, daß der Prophet nicht in seinem Vaterlande gelte, indem er den von Kaiser und Königen so hoch geschätzten Adam Müller für das faulste und unnützeste Mitglied seiner Gemeinde erklärte.

Zu jener Zeit kamen auch die Draisinen auf, deren Vater ein Herr von Drais aus Manheim war. Die Franzosen nannten die Erfindung witzig: »maniere de faire un voyage de quatorze lieues en quinze jours«, indessen bewegte sich der Erfinder darauf selbst mit einer bewundrungswürdigen Schnelligkeit. Man schmeichelte seine Eitelkeit auf eine fast spöttische Weise, indem man ihn zu Thees einladete, wo er sich im Saal auf seiner Maschine producirte. Namentlich war dies in der Routs bei Herr v. B. der Fall, in jenem kleinen Hause, wo eine Menge Gäste die Grundsätze des Raumes verspottete. Herr v. B. suchte freilich diesen Übelstand durch Rangerhöhung seiner Gesellschaft auszumerzen. Denn ein jeder Gast ward wenigstens adelich, wie in meiner Cerevisia, der Herr von »Baron,« der Baron, Graf. Nur mit den Grafen kam er in Verlegenheit, wenn der Prinz von Hildburghausen zugegen war, der indessen zur Entschädigung für die abgetretene Durchlaucht in solcher Fülle eine Königliche Hoheit erhielt.