Sechstes Kapitel.

Der Odenwald. Erbach. Eilbach. Der Bäcker aus Nürnberg. Der Wolfsbrunnen. Neckargemünd. Neckarsteinnach. Weinheim. Manheim. Lieutnant L. Erinnerung an B. Suite in Manheim mit einem Officier. Metzger Eisengrein.

»O Du Wald, Du sollst mein Erbtheil sein!« soll die Kronprinzessin Emma ausgerufen haben, als sie mit ihrem Geliebten Eginhard, dem Geheimschreiber Karls des Großen, des Vaters Rache fürchtend, die dunkele Waldgegend durcheilte, welcher die spätere Zeit den Namen Odenwald gegeben hat, die aber von unsern Schulmeistern als Odins Wald dem Gedächtnisse der Jugend einverleibt wird. Mag immerhin diese Erklärung mehr historische Wahrscheinlichkeit haben als jene, ich war selbst im Odenwalde und zweifle nicht an der unumstößlichen Richtigkeit der ersten. Nur in jener menschenleeren, aber geisterreichen Gegend, wo der wilde Jäger sein Wesen treibt, und ein Adam Müller in der höchsten Potenz, im Jahre 1811, vielen Bauern den Russischen Feldzug durch ein Ohrenspiel deutlich verkündigte, welches von den Amtmann in Zwugenberg, nachher protocollirt, und von Napoleon, der Kälte, und den Kosacken bestätigt wurde, leben noch Dryaden, und die übrigen Gottheiten der jetzt nur den Dichter und seine Klienten beherrschenden, kümmerlich aus dem Schutt der Vergangenheit ihr Haupt erhebenden, südlichen und nördlichen Religionen. Aber die vertriebenen hohen Herrschaft regieren auch noch nach alter Weise, sie verlassen ihr Elba nicht, und leben hier in der Erinnerung einer mächtigen Vergangenheit eine heitere Gegenwart. Jeder Baum spricht mit dem vorübergehenden am Sonntag geborenen Wanderer, die Quellen plätschern geisterartige Lieder, die man erst recht versteht, wenn man an ihrer Seite, auf den bemoosten Felsstücken eingeschlafen ist, die Steine blicken in das Herz und selbst die alten Felsen nicken freundlich, wenn sie nicht gar anfangen in ihrem Meere um die Riesensäule umher zu schwimmen. Auch der wilde Jäger, welcher auf dem Schnellert wohnt, meint es gut mit der armen Welt, welcher er die traurige Zukunft verkündet. Nur ist er ein Feind von vielen Komplimenten, und ich rathe Dir, lieber Wanderer! wenn Du ermüdet und erhitzt die steilen Anhöhen der wellenförmig, bergigten Gegend erklimmst, und in seine rauschende Nähe kommst nicht außer Respect gegen den Prinzen Hussa von Halloh dein Haupt zu lüften; der gestrenge Herr ist ein Schelm, er küßt Dir dann zwar vergeltend das Haupthaar, aber gar bald saust er als Zahnschmerz oder Ohrenpein in Deinem höflichen Kopfe.

Das Völkchen des Odenwaldes, das von drei mediatisirten Grafen von Erbach zunächst beherrscht wird, ist von besonderer Eigenthümlichkeit. Auferzogen mit den Gottheiten und Gespenstern, kennen die Bewohner das Buch der Bücher dennoch sehr wohl, wenigstens handeln sie darnach. Sie haben keine andere Spitzbuben unter sich, als die aus den Gefängnissen benachbarten Städte springen, die sie kleiden, ernähren, und mit maurischer Gastfreiheit schützen, bis der Arm der Gerechtigkeit ihren spendenden Händen wehrt, und die Gäste gefesselt entführt. —

Die Arbeit ist den Odenwaldern ein Sporn zur Fröhlichkeit, sie genießen wie wir die Freuden des Spiels und des Tanzes, wenngleich im verkleinertem Maaßstabe, nur mit dem Unterschiede, daß sie ihre Lust Spartanisch durch vorhergangene Arbeit würzen. Von ihren Kartenspielen weiß ich wenig zu sagen, nur daß der König der Schuldenmacher bei ihnen heißt, und daß sie ein Spiel haben, in welchem derselbe die geringste Karte ist. Merkwürdig aber sind ihre Kirchweihen. In dem oft nur aus vier von einander liegenden Häusern bestehenden Dorfe versammeln sich an einem solchen Tage die Bewohner der Umgegend. Es giebt dort keinen Thränenwinkel; denn alles tanzt, wenn auch die bunte Reihe zuweilen durch ein doppeltes Frauzimmer entstellt wird. Nicht an Erfrischungen fehlt es, die aus Bier, Kartoffeln- und Zwetschenbranntwein bestehen, wol aber an der ersten Requisite unserer Bälle, an Musikern. Auf vier Häuser darf man nur einen Fiedler rechnen, der auch nicht einmal immer der Bundesversammlung ihr gehöriges Seitencontingent zu stellen vermag. Nirgends aber erscheint das Sprichwort:

»Wer gern tanzt, dem ist auch leicht gepfiffen« — so wahr als hier. Denn kaum hat der Paganini des Odenwaldes die Geige ergriffen und an den Hals gelegt, — so beginnt das ganze Haus seinen Tanz. Er bestätigt eigentlich die Tanzenden nur in ihrem Beginnen; denn nach Verlauf einer halben Minute eilt er schon zum Nachbarhause und prüft hier die Taktmäßigkeit der Tänzer, wie im ersten Salon. So geht er in seinem Sprengel umher, bis alle seine Tanzkinder mit Musik versorgt sind, Berg auf, Berg ab, als hätte er den Wahlspruch:

In meine Seiten greif ich ein,

Sie müssen alle hinter drein.