Der Wolfsbrunnen, das Neckarthal überhaupt, ganz bis Heilbronn hin, tragen einen so merkwürdigen Character, daß man weder im Rheingau noch in den andern Thälern Badens etwas Ähnliches sieht. Die Fahrt nach Neckargemünd, Neckarsteinnach und seinen vier Schwesterburgen, wurde gewöhnlich einmal im Jahre zu Schiffe und Abends bei Fackelschein und Musik zurückgemacht, welches einen reizenden magischen Anblick, besonders von der Neckarbrücke aus, gewährte.

Indessen welch einen Abstecher man auch von Heidelberg machte, so mußte man, wenn man wieder heim gekommen war, doch gestehen, daß man auf den schönsten Punct zurück gekehrt sei. Unvergleichlich reizend ist auch das Birkenauer Thal bei Weinheim so wie die ganze Gegend um dieses Städtchen herum. Als ich vor einigen Jahren hier meinen Freund Bender und seine liebenswürdige Gattin in dem neu erbauten Hause unterhalb des Städtchens auf dem Hügel besuchte, wo ein besserer Wein reift, als ihn der ganze Rheingau aufzuweisen hat, — da bekam ich die Idee, daß hier einstens das Paradies gewesen, welches das liebenswürdige Ehepaar wieder aufgefunden habe. Hätte ich nicht so viel Anderes zu thun, ich würde mich längst bemüht haben, diese Ansicht historisch zu begründen.

Drei Male in der Woche war in Manheim Schauspiel, wohin man gewöhnlich nach dem Mittagsessen in einer Hormuthschen Kutsche fuhr. Das Personal war nur mittelmäßig, jedoch entsinne ich mich noch des alten Thürnagels als eines sehr wackern Schauspielers und mehrerer artistischen Rudera aus der Ifflandischen Zeit. In der Oper glänzten Nieser als Tenorist und die Discantstimme der Demoiselle Gollmann. — Nach der Vorstellung zog man gewöhnlich in die Restauration eines alten Ehepaars Namens »Sauerwein«, die keine andere Kinder als ihren Rebensaft der ihren Namen zu tragen verdiente, aber eine so schöne wie züchtige Pflegetochter als Kellnerin hatten, daß sich die Hälfte des eintretenden Dutzend Studenten auf der Stelle in sie verliebten. — Das gab denn komische Scenen, Einige wurden schüchtern, Andere gefällig, noch Andere tiefsinnig, die Weinstube bekam durch diese Affectionen, den ansäuerlichen Geschmack eines Irrenhauses, während die liebreizende Kellnerin mit ewig gleicher Freundlichkeit Keinem einen Vorzug gebend, allen Respect einflößend, das Verlangte credenzte. Für Dich lieber S., dem eine liebliche Gattin, umblüht von rosigten Kindern vielleicht diese Zeilen vorlies’t, der Du, wie L. und St. jeder besonders mir an einem und demselben Tage vertrautest, daß Du kein größeres Erdenglück kanntest, als an Sauerweins Adoptivtochter Hand durch das Leben zu wallen, der Du schon im Begriff warst, die väterliche Einwilligung in die Verbindung zu suchen und es gethan haben würdest wenn Dich der blondköpfige L. nicht fortwährend so eifersüchtig gemacht hätte, und Dir L. und St. und K., und für Euch andern Verehrer der schönen Kellnerin, deren Namen ich nicht einmal verblümt angeben will, diene zur Nachricht, daß, als ich vor einigen Jahren einen alten Gegennachbar der Colonade nach den alten Sauerweins und nach der süßen Kellnerin fragte, welche in dem, jetzt einem Hutmacher eingeräumten Locale vor zwanzig Jahren gewohnt hatten, mir dieser erwiedert hat: »Die beide alte Sauerweins seien schon neunzehn Jahre todt, aber de schöne Madel wo sie gehabt, ischt sehr gut daran, sie hat ä brave reiche Mann und neun wackere Bube und wohnt im Elsaß.«

Das Badische Militair bestand aus sehr erfahrenen gescheuten Offizieren, man konnte aber von ihnen sagen, daß die Hälfte derselben in Rußland halb erfroren, die andere Hälfte in Spanien halb verbrannt war. Mancher der letzteren trug auch noch unverkennbare Spuren versuchter Vergiftung. — Die meisten lagen in Manheim wo sie einen Clubb hatten, in dem Einem Alles spanisch vorkam, da dort wo möglich, spanisch gegessen, getrunken und geredet wurde. So erscheint die traurigste und mühseligste Vergangenheit rosigt. (Acti labores jacundae.)

Ein Lieutenant L. hatte den Feldzug in Rußland mit gemacht. Bei der Retirade war er mit ganz erfrornen Händen in das Hauptquartier nach Wilna gekommen, woselbst aus irgend einer Französischen Kasse den meisten Flüchtlingen Geld, das man wol nicht in die Hände der Russen fallen lassen wollte, gegen Schein ausbezahlt wurde. Auch L. hatte hier funfzig Silberrubel bekommen. Ein mitleidiger General, der die bejammernswerthen Hände des L. gesehen, hatte seinen Wundarzt gerufen, und dieser sofortige Amputation beider Hände als das einzige Rettungsmittel verordnet. — L. hatte geschwankt, endlich aber die Operation verweigert, weil ein alter ergrauter Kamerad ihm immer leise, aber eindringlich das Wort »Terpentin« in die Ohren geraunt hatte. Der Flüsterer hatte dieses nach ihrer Entfernung aus dem Hauptquartier auch sofort gekauft; dem L. die Haut der Finger zerschnitten, das Öl hineingegossen und es mit Lappen umwunden.

»Als wir vor Wilna kamen« fuhr L. fort, »sahen wir einen polnischen Juden, der von einem Wägelchen Bröde das Stück für Einen Silberrubel verkaufte. Leider entschloß ich mich erst zuletzt zum Ankauf, nachdem schon Alle meine Kameraden verproviantirt des Weges gezogen waren. Im Zustande meiner Hülflosigkeit mußte ich den Juden bitten mir zwei Bröde in meinen Schnappsacke zu stecken, dann aber aus meiner Tasche sich mit zwei Silberrubeln bezahlt zu machen. — Und siehe der Bösewicht leerte mir meine ganze Tasche unbarmherzig. Aber dennoch segne ich ihn, denn er ließ mir die zwei Bröde, ohne welche ich gewiß verhungert wäre.«

Der liebenswürdige L. ist jetzt Hauptmann in Carlsruhe. Von seinen Fingern fehlen zwei, welche das Terpentinöl nicht restituirt, nicht wieder von ihrem Scheintode in das Leben gerufen hat. Der Gerettete ist sonst ohne Spur von der Russischen Campagne, ja, die unversehrt gebliebene Hand könnte Bildhauern und, Wachsboissirern als Muster dienen.

Das Betragen der Badischen Offiziere gegen die Studenten war durchaus freundlich und zuvorkommend. Wie gewöhnlich werden alle, wenn auch selten sich ereignende Zwistigkeiten mit den Musensöhnen, durch die Studenten veranlaßt, welche gewöhnlich zur großen Beschämung der letztern endeten. Der gute B. fragte im Rausch in Schwetzingen einen alten spanischen Offizier, wie er sich erlauben könne das Bild des Kaisers Napoleon auf der Pfeife zu tragen, und erhielt dafür die demüthigende Antwort: »Ich trage den Großherzog von Baden im Herzen und Napoleon auf der Pfeife und wer etwas dagegen hat ist ein Hundsfott.« — Die Sache wurde zwar noch so gut als möglich ohne Pistolenduell vermittelt, indessen zur einigen Beschämung des sonst so gutmüthigen blonden B. aus A. Jetzt drückt sie ihn nicht mehr, er schläft schon seit zehn Jahren im Friedhofe. Er ist nach unsäglichen Leiden, an einem fürchterlichen Uebel, am Markschwamm im Kopfe 1826 gestorben. Ein langes körperliches Leiden hat den heitern Lebensmenschen zum Dichter gemacht. Für seine theilnehmenden Freunde setze ich die tief erschütternden, nach seinem Tode gefundenen Verse hierher, welche mir sein Bruder nach seinem Tode mitgetheilt hat.

Letzter Wunsch eines lebensmüden Unglücklichen.