Siebentes Kapitel.
Die Wartburgsfeier. Die Mißgriffe mehrerer academischen Senate. Rippel. Reise zum Burschencongreß nach Jena. Gotha. Weimar. Schillers Denkmal. Die Pfannkuchen in Kunitz. Der Halbmeister von Jena. Ankunft in Jena.
Im Jahre 1817 hatte die Jenaer Universität ein großes Ausschreiben an alle Deutsche Hochschulen erlassen und dieselben zur Feier des Wartburgfestes eingeladen. Schon damals war ich von der Heidelberger Burschenschafft zur Gesandschaft designirt. Der Gedanke aber, daß ich ein »Brandfuchs« (Student im zweiten Semester) mithin ein gar zu junger Botschafter sein würde, veränderte die mir günstige Majorität zu meinem Nachtheil. Mein Freund L. erhielt eine Stimme mehr als ich, und reißte fort nach Eisenach.
Diese Feier ist vielfach besprochen worden und hat wahrscheinlich zuerst die polizeilichen Augen der Regierungen auf die Deutschen Hochschulen gelenkt. Das übermüthige Verbrennen eines Hessischen Zopfes, einer Russischen Knute, der Schriften einiger hochgestellten Minister klang wie eine auf etwas Bestimmten basirte Herausforderung, war aber am Ende nichts als ein Hochverrath, den die Hunde am Firmament begehen, wenn sie den Mond anbellen. Hätte man sich dahin beschränkt, die Verbindungen jedes Studenten mit Leuten aus dem bürgerlichen Leben genau zu beachten, und ihn nur zur Verantwortung zu ziehen, wenn er auch im Philisterio sich nicht dem allgemeinen Staatswillen unterwerfen würde, man hätte einen ewigen polizeilichen Conductor gehabt und so manchen talentvollen Jüngling Deutschlands vor einem Unglück bewahrt, das eine furchtbare Nemesis ihnen noch in seinen bürgerlichen Verhältnissen auf den Hals geschickt hat, nachdem er in der Schule des Lebens ganz anderes Sinnes geworden ist. — Wahrlich! es giebt nichts Thörichteres als bei unsern Deutschen staatlichen Einrichtungen von den Sprudelköpfen unserer academischen Jugend das Mindeste zu fürchten. Die Reichen sind ohnehin die Conservativen, da aber der Mangel die Leibfarbe fast aller unserer Candidaten ist, so tritt nach dem Abgange von der Universität, vielleicht die ersten vier Wochen nach der Rückkehr in das väterliche Haus abgerechnet, in welchen der Schneider einen neuen Anzug zur Cour bei den Examinatoren angefertigt und von dem Exburschen mit einigen seines Gleichen noch eine entsetzliche Menge Bier zur Erinnerung an das verlorne Paradies vertilgt wird, — ein solcher Katzenjammer, verbunden mit Examensangst, daß man veranlaßt werden könnte, den ehemaligen Freiheitshelden für seinen ehemaligen Hausphilister zu halten. Ja, ich glaube nicht, daß irgend eine homöopatische Verdünnung existirt, welche der gleicht, die ein Canzleidirector, Generalsuperintendent oder ein collegium medicum, an dem allerkräftigsten demagogischen fluidum eines sothanen Candidaten durch ihre erste Anrede beschaffen.
Allein in jener Zeit fing man die Sache verkehrt an. Entweder machte man das Treiben der Deutschen Studenten, welche aus der reinsten, edelsten Empfindung hervorging, lächerlich, oder man wandte zu spät eine barbarische Strenge an, und schuf so — Zeloten und Märtyrer. Von der Wahrheit meines ersten Satzes liefert der unglückliche Kotzebue ein Beispiel, von dem Zweiten die Geschichte fast aller Verurtheilten. Dabei ist aber nicht zu übersehen, daß die Schuld nicht eigentlich an den Regierungen, sondern an dem zaghaften, eigennützigen und schwachen Benehmen der meisten academischen Senate lag. Denn wenn die Regierungen nicht das Treiben der Burschenschaft als eine unschädliche Kinderei ansehen wollten, so war es die Pflicht aller academischen Polizeibehörden, solches sofort auszurotten, was ihnen allerdings möglich gewesen wäre, da nichts leichter auszukundschaften ist, als die Verbindungen unter den Studenten. Anstatt dessen temporisirten viele der Herren Professoren, zum Theil selbst vom demagogischen Kitzel angesteckt, der aber nur so lange sie angenehm juckte, bis er auf das Terrain der Selbsterhaltung kam, zum Theil ließen sie aus Furcht ihre Zuhörer zu verlieren, fünf gerade sein, nahmen eidliche Versicherungen der Nichtexistenzen von Verbindungen entgegen, deren Mitglieder ihnen alle namentlich bekannt waren, und nur wenn ein mächtiger Erlaß von Oben kam, übernahm es einer der Professoren, und zwar dann gewöhnlich der rigoristischste, die von ihm selbst genährten und gesäugten Schlachtopfer der Hand der Gerechtigkeit zu überliefern.
Schon 1820 habe ich die Universität verlassen, nachdem ich das letzte Jahr, fern von aller Verbindung, in Kiel zugebracht hatte. — Daß aber, (das Verbot einer Verbindung im Allgemeinen ausgenommen,) bis 1819, keine im Entferntesten strafbare oder gar hochverrätherische Tendenz in den Deutschen Burschenschaften gelegen hat, dies glaube ich später mit einer Abschrift der Protocolle, welche im Jahre 1818 zu Jena abgehalten wurden, evident belegen zu können.
Es ist ein komisches Ereigniß, das bei dem Wartburgsfest sich ereignete und gar wenig bekannt geworden, zu referiren. Ich muß indessen vorher bemerken, daß bei dem Vor- oder Nachtrinken, das Wort ein Gelehrter einen halben Schoppen, ein Doctor einen ganzen Schoppen, ein Rippel etwa zwei Drittheil Flaschen, bedeutete, welches Vortrinken sich bis zum Pabst hinauf, in einigen mir nicht mehr erinnerlichen Gradationen, steigerte. Rippel war aber auch ein Krug, welcher das angegebene Quantum faßte und insbesondere in der Weberei von den hübschen Töchtern credenzt wurde. Über den historischen Ursprung dieser Namen wußte Niemand, selbst nicht die weibliche Ganymede etwas anzugeben.
Als nun an dem Wartburgfeste die meisten Studenten dem Gottesdienst beigewohnt, zum Theil auch das heilige Abendmahl genossen, sich sodann unfern der Burg Luthers, in einen engen Kreis zusammengescharrt hatten, um nach kurzem Gebet ihre Reden fortzusetzen, zertrennte auf einmal ein Mann, angethan mit einem ins Schwärzliche übergegangenen, ehemaligem weißen Flaus, in fliegendem Haar, gewaltig dicker Pfeife und Quästen, welche Ahasverus auf Universitäten getragen haben mochte, den engen Chor, indem er ausrief: