Indessen war es mir unter den Burschen eine große Satisfaction bei Göthe gewesen zu sein. Man beneidete mich um diese Ehre wie Mädchen sich einander um einen neuen Hut scheel ansehen.
Zu dieser Zeit passirte Göthe auch eine, wenig bekannte, höchst ergötzliche Anecdote.
Eine Dame ließ sich bei ihm melden. Göthe, der den Besuch des schönen Geschlechts nur sehr bedingt liebte, ließ seiner Bewunderin, aller Bitten ungeachtet, drei Male die Audienz durch seinen Bedienten verweigern. Allein die Dame wollte sich nicht abweisen lassen, folgte dem Bedienten, dem sie noch eine Bestellung an seinen Herrn aufgetragen hatte, in den Garten, wo sie Göthe erblickte, dem sie sogleich zu Füßen stürzte, indem sie seine ergriffene Hand mit Küssen bedeckte.
»Aber Madam! so stehen Sie doch auf,« rief Göthe von dieser hündischen Verzweiflung zwar geschmeichelt aber doch auch verwirrt.
»Nein großer Dichter!« rief die in den Staub gesunkene Verehrerin. »Wie glücklich bin ich, daß meine Augen Dich erblicken. Ich komme mir vor wie die Glocke, wovon es in Deinem schönen Liede heißt:
»Fest gemauert in der Erden
Steht die Form aus Lehm gebrannt.«
Göthe hat noch oft in späten Jahren herzlich über diese seine Verwechslung mit Schiller gelacht.
Das Rednertalent, welches außer in England so wenig cultivirt wird, wurde in Jena wenigstens oft in Uebung gesetzt. Wenn die Bruder Studios rudelweise Abends durch die Gassen schlenderten und einen ihrer Freunde noch in seinem erleuchteten Zimmer zu Hause fanden, so wurde demselben gar häufig ein Vivat gebracht, dem das Verlangen einer »Standrede« folgte.
Der Gefeierte mußte nun sein Fenster öffnen den Raum mit einigen Lichtern erhellen und in der häufigen Ermanglung dieser, die schwerfällige Studierlampe auf die Fensterbank postiren, dann aber eine Rede halten, welche oft an die Neapolitanischen Improvisatoren erinnerte. — Vorzüglich stark war in solchem aus dem Steggreifreden der Meklenburger W. — Seinem Nachbar, einem Professor, waren vierzehn Tage vorher die Fenster eingeworfen. Während er sich nun für die ihm wiederfahrene Ehre auf das Allerwärmste bedankte, beklagte er seinen gelehrten Nachbar, der nicht das Glück habe in einer so guten Meinung bei den Herrn Studenten zu stehen wie er, und ermahnte die Herren Akademiker, sich künftig nie wieder solche Excesse gegen Professoren zu Schulden kommen zu lassen. Die Art und Weise wie er abwechselnd den lustigen Schalk, dann wieder den ehrenwerthen Philister sprechen ließ, war in der That ungemein humoristisch.