»Fühlen Sie einmal die Luft.« das waren die Worte, womit er uns mit ausgestreckter Hand anredete.

Später ging er mit uns und zeigte M. die für ihn gemiethete Wohnung. Dann miethete er für mich bei dem alten Licentiaten B... in der Mittelbadgasse ein Logis. Noch denke ich mit Schauder an die drei bildhäßlichen Töchter des Hauses, sie kommen mir wieder im Schlaf vor, wenn ich Unverdauliches gegessen habe.

»Sie bezahlen eigentlich eine Pistole zuviel,« lächelte der Geheimerath, »allein sie können die Häßlichkeit der Töchter auch wieder höher als eine Pistole anschlagen.«

Ich bin Thibaut wohl für seine Artigkeit und für seine väterliche Präventionstheorie, nicht aber für dies Quartier dankbar. — Ich habe viel Verdruß durch meine Leichtgläubigkeit gehabt, — doch weg mit allen Klatschereien, sie sind alle todt, requiescant in pace.

Von den ersten drei Tagen meines Burschenlebens in Heidelberg weiß ich fast nichts mehr zu referiren. Es flimmert mir sogleich vor den Augen, wenn ich daran denke. Ich lebte den Zustand eines opiumberauschten Türken.

Ich war den ganzen Tag über auf den Burschenkneipen, studirte jedes Gesicht und versuchte mit Jedem ein Gespräch anzuknüpfen, was gerade im Anfang jedes Semesters leicht wurde, besonders da alle Partheien einen Neuling an sich zu ziehen suchten. Ich war alle drei Abende nacheinander bei Thibaut eingeladen, ließ mich aber jedes Mal entschuldigen.

Graf M. sprach ich täglich nur einige Minuten. Er hatte sich in den ersten Tagen größtentheils bei Thibaut aufgehalten, dann aber die Kneipe seiner Landsleute, die damals zu den Westphalen gehörten, besucht, auch auf besondere Verwendung dieser, mit ihnen den Mittagstisch genommen.

Es war nämlich im Frühling 1817 eine halbe Hungersnoth in Heidelberg. Mancher arme Schelm wurde mit Gras im Munde, am Hungerstod gestorben, im Walde gefunden. Ein Laib fast ungenießbares Brod von vier Pfund, kostete 40½ Kreuzer, die Kreuzerwecke konnte mit unbewaffnetem Auge fast nicht wahrgenommen werden. Alle Studententische waren geschlossen, da die Wirthe, welche Schaden bei dem gewöhnlichen Pränumerationspreise hatten, zwar in Erwartung einer guten, später auch eintretenden Erndte, zwar diesen nicht erhöhen aber auch nicht mehr Abonnenten haben wollten.

Eine travestirte Laona irrte ich mit meinem Hunger von Table d’hote zu Table d’hote umher. Ich mußte zwei Monate in den Gasthäusern wie ein durchreisender Fremder täglich einen Gulden für mein Couvert bezahlen bis Herr Hellwerth, der Wirth des Badischen Hofes, mich als wirklichen Stammgast um einen ermäßigten Preis, und wahrlich nicht zu seinen Schaden, annahm. —