Das Englische Consulat in Hamburg ist das einträglichste, welches das Englische Gouvernement zu vergeben hat. Dies bekleidete damals ein gewisser Mellis’h, welches er einem Ministerposten vorzog, den er bei dem Wechsel eines jeden Ministerii zu verlieren riskirte. Mellis’h war ein äußerst gelehrter und vielseitig gebildeter Mann, und machte eins der ersten Häuser in Hamburg. Er hatte in seinem Hause die empfindliche Junggesellensteuer in Hamburg, die Trinkgelder, abgeschafft, mit denen man das Essen in dieser Stadt doppelt und dreifach bezahlen muß, und seinen Domesticken die Annahme eines solchen, bei unfehlbarer sofortiger Entfernung aus dem Dienst verboten. In seinem Hause ging es überaus gastfrei zu, Mellish’ wußte seine Tafel durch eine vortreffliche Unterhaltung zu würzen. Er war ein genauer Freund von Schiller und Göthe gewesen. Von dem ersten besaß er eine große Menge Correkturen seiner eignen deutschen Gedichte, welche auch später, jedoch ohne Hinzufügung des ersteren, gedruckt worden sind, was die literarische Erscheinung um Vieles interessanter gemacht haben würde. Göthe schickte seinem Sohne Charles Mellish’, ein Exemplar seines »Hermann und Dorothee,« mit den schmeichelhaften Worten: »Meinen lieben Pathen, Karl Wolfgang von Mellis’h, dem sein Vater, der beste Dollmetscher dieses Gedichts sein kann, treumeinend Göthe.« — Als Mellis’h nach einer vieljährigen Trennung von Weimar, wo er lange als Kammerherr gelebt hatte, Göthe besuchte, rief dieser beim Anblick seines Freundes, mit dem er mancher Flasche den Hals gebrochen hatte, und dessen Liebhaberei für den Wein er wohl kannte, nur das einzige Wort »Champagner« aus.

Der Sohn des Consuls Mellis’h, Charles, war mit mir bei Zimmermann in Pension. Wir hatten ein gemeinschaftliches Arbeits- und Schlafzimmer. Er war schon damals ein liebenswürdiger Mensch und würde gewiß jetzt in seiner diplomatischen Laufbahn ein weit entschiedneres Glück machen, wenn er nicht unter die torys gegangen wäre, zu denen sein Vater, ein Busenfreund des berühmten Canning, gewiß nicht zu rechnen war.

Das Schlafen ist von früher Jugend auf nie meine Sache gewesen, vor allen Dingen nicht das Einschlafen; auch liegt mein Bischen Ruhe fast immer in einer von lebhaften Träumen gewebten Wiege, die bei dem leisesten Geräusch zerreißt. Anders ging es mit Charles Mellisch, der seine zehn Stunden uno tenore wegschnarchte und sich weder durch meine Bitten, wach zu bleiben, noch durch die bunten Sonnenstäubchen und Bilder, die mein geschäftiger Mund vor seine unempfängliche Ohren und Augen trug, noch durch Spectakel aller Art, nachdem er die Worte: »Gute Nacht, lassen Sie mich in Ruhe!« ausgesprochen hatte, abhalten ließ, in den festesten Schlaf zu verfallen, womit die Natur je einen Dachs, einen Domherrn oder gar den Siebenschläfer vor anderen Geschöpfen begnadigt hat.

Ich mochte nun anfangen, was ich wollte, alle Mittel, den guten Charles zu erwecken von der leisesten Sprache in die Ohren bis zum Feuerlärm, waren vergeblich. Brummende und schreiende kurze Töne waren die einzigsten Früchte, die meine Kehle und meine Phantasie erbeuteten, kein menschlicher Ton leistete meiner beredten Zunge Gesellschaft. Da fiel ich auf den glücklichen Gedanken bald »God save the king«, bald »Rule Britannia« anzustimmen. Und siehe! wie durch einen Zauberstab geweckt, begleitete Mellis’h jedesmal das angestimmte Lied; bald aber bat der Mitsänger mit herzbrechenden Tönen, die durch Schluchzen und Thränen unvernehmlich wurden: »Lassen Sie mich doch schlafen; ich bin ein Engländer und liebe mein Vaterland mehr als meinen Schlaf; allein ich nicke sonst morgen in der Schule ein und kann nicht exponiren.«

Selig, ein Mittel gefunden zu haben, den Fühllosen zu rühren, chicanirte ich ihn die ganze Nacht hindurch, wie die Knaben den allzu musikalischen, aber tyrannischen Küster, dem sie beim Nachmittagsschlaf einen Accord auf dem Positiv nur anschlugen, dann wegliefen, und so den alten Mann zwangen, denselben zu vollenden, bis am Ende auch meine Lebendigkeit bei den Worten: »rule the waves« einen sanfteren Charakter annahm, und die Töne mich in den Schlaf einlullten. Schon im Traum hörte ich noch einen Engel anstatt des Engländers singen: For Britons never shall be slaves.

Am andern Tage verklagte mich mein Contubernalis beim Professor Zimmermann. Ich opponirte die Einrede, daß sich der gute Karl durch keinen andern Lärm, als durch die genannten englischen Nationalgesänge stören lasse und wollte ihm ein privilegium de non cantando nicht zugestehen. Der Professor enthielt sich aller Intervention, Charles wurde abgewiesen und nun meiner Gewalt überantwortet. Aber ich war großmüthig; jeden Abend accordirte ich beim Schlafengehen mit ihm, wie lange er mit mir reden sollte. Er hielt allemal Wort aus Furcht vor meinem Gesange, womit ich denn überhaupt, ein travestirter Orpheus, schon gar viel in meinem Leben durchgesetzt habe. —

Ein ähnliches Beispiel dieser National-Pommade erlebte ich zehn Jahre später von einem Holländer. Ich lernte ihn an der Abendtafel als einen liebenswürdigen jungen Gelehrten kennen. Er erfreute uns durch viele interessante holländische Epigramme und Anekdoten, durch unpoetische Poesien seiner Dichter, die Schiller’s Poesien einen »Misthaufen« nennen, und durch Erzählungen von seiner liebenswürdigen Braut. Plötzlich schlug es zehn Uhr: er gähnte mehre Male, befahl dem Kellner, zu leuchten, und ließ sich durch keine Bitte bewegen, noch unter uns zu verweilen. »Het doet mij leed, dat wij scheiden moeten, ben u soo gefattigeerd?« (Es thut mir leid, daß mir scheiden müssen, sind Sie so ermüdet?) fragte ich ihn worauf er antwortete: Myn Her ik ben gefattigeerd, daar ik morgen vroeg um zes Uur opstaan moet. (Mein Herr, ich bin müde, da ich morgen frühe um sechs Uhr aufstehen muß.)

Der englische Viceconsul, ein vortrefflicher Geschäftsmann und Mellis’hens rechte Hand, hieß Wesselhoeft und bekleidet noch jetzt diese Stelle. So oft ich in Hamburg bin, erinnere ich mich in seinem liebenswürdigen Familienkreise der Englischen Familie, dessen Haupt alle Liebenswürdigkeiten eines Deutschen und eines Engländers vereinigte.

Unter den übrigen Diplomaten zeichnete sich der Preußische Gesandte, ein Graf Grote, der sich immer dadurch dem Publikum bloß gab, daß er nie seine Garderobe, d. h den Titel als maître de la garderobe ablegte, durch Originalität aus. Der alte Herr hatte sich in dem republikanischen Hamburg, wo übrigens die haute volée oft auch sehr an die noble aristrocraci von Amerika erinnert, ganz acclimatisirt. Es wurden demselben auch alle möglichen geselligen Vorzugsrechte eingeräumt, was er denn auch zu seiner Lebenserhaltung bedurfte. Denn der Greis schwitzte große Tropfen, wenn er mit einigen andern Exellenzen auf einem Diner und ungewiß war, wer der älteste von ihnen sei und das Recht habe, den ersten Toast auszubringen. Man erzählte von ihm, daß er zuweilen ganz eigne Noten an den Hamburger Senat erlasse und namentlich an den mit der Polizei beauftragten Rathsherr, bei einer Gelegenheit, wo ein anderer nicht ferne von ihm wohnender Minister bestohlen war — geschrieben habe. »Ich suche Ew. Hochedlen dafür zu sorgen, daß dergleichen Scandal nicht wieder in meiner Nähe passirt.«