Das Theater war zu meiner Zeit vortrefflich. Wie ein geheizt gewesener Ofen noch eine Zeitlang seine Wärme hält, wie Weimar noch einen poetischen Anstrich von der früheren Farbe hat, so lebte noch Schröders Muster in der Erinnerung des Publikums und in dem Bestreben der Schauspieler, ihm zu gleichen. Ich beklage es diesen großen Mimen nur stumm spatzierend, in seinem Garten zu Rellingen gesehen zu haben, den, nach dem Urtheil sachverständiger Hamburger, selbst der geniale Devrient nur als »Franz Moor« erreicht haben soll. Nie vergesse ich Zimmermanns Begeisterung, als er eines Abends aus der Freimaurer-Loge zurückgekehrt war und erzählte, daß Schröder Bürgers »Lenore« im schwarzen Anzuge mit einem weißen Stäbchen in der Hand, so begeisternd gesprochen habe, daß alle Anwesenden die Geistererscheinung mit eigenen Augen wahrzunehmen zu haben geglaubt hätten — Schröder war aber auch in seiner Jugend ein vortrefflicher Tänzer gewesen, wogegen sich unsere jungen Histrionen höchstens eine Radawazka einstudiren.
Schmidt nahm schon damals wol den ersten Rang unter den Hamburger Schauspielern ein, und würde unstreitig einen noch weit größeren Ruf erlangt haben, wenn ihm nicht ein etwas tremulantes Organ im Wege gestanden, das sich freilich ganz vortrefflich zu einigen älteren Rollen, wie im »zerbrochnen Krug« eignete, oft aber auch sehr störend einwirkte. Schmidt hat in Königsberg ehrenwerthe philosophische Studien gemacht, auch ist es sehr zu beklagen, daß er sein entschiedenes Talent als Lustspieldichter so ganz unverantwortlich vernachlässigt, da sein »leichtsinniger Lügner,« welcher damals auch einen Preis erhielt, ihn als so ungemein dazu befähigt darstellt, wogegen seine Schauspiele, z. B. »der Sturm von Magdeburg« sich weniger Beifall im Publikum erworben haben. In Gesellschaften, deren der jetzige Schauspiel-Director zuweilen sehr glänzende und auserlesene giebt, ist Schmidt höchst liebenswürdig und unterhaltend und würzt dieselbe durch treffliche Bonmots. Ein solches, wodurch er einen höchst originellen materiellen Beweis für die Unsterblichkeit führte, fällt mir so eben ein und verdient der Vergessenheit entrissen zu werden.
»Die Elemente rasten nie,
Und hat der Mensch sie in sich aufgenommen,
Sagt mir Ihr Philosophen, wie
Soll da der Mensch zur Ruhe kommen?«
Das Hamburger Publikum ist ein höchst gutmüthiges dankbares, und voller Pietät gegen seine bei ihm ergrauten Schauspieler. Es kommt mir vor wie ein braver Apotheker, der seinen alt und schwach gewordenen Provisor, auf dessen Knieen er sich als Knabe oft hat schaukeln lassen, nicht verstößt, wenn derselbe auch kaum mehr die Neujahrsrechnungen schreiben kann. Es gab dort einen Pensions-Beifall, der so weit ging, daß man gar keine fremde Künstler in den wenigen Musterrollen, worin hie und da ein alter mittelmäßiger Schauspieler excellirte, sehen wollte. Die kleine niedliche Oper »das Dorf im Gebirge« war immer zum brechen voll, wenn der alte Schrader den Schulmeister mit seiner trocknen Komik gab, wogegen der brave Berliner Kaselitz, welcher Devrient auf einer Reise begleitete, bei einer ganz braven Leistung dieser Rolle fast riskirt hätte, ausgepfiffen zu werden. Jakobi war ein Naturalist, begabt mit einer vortrefflichen Stimme, und hat vielleicht ein halbes Jahrhundert den Don Karlos immer mit gleichem Beifall gespielt. Das Hamburger Publikum zeigt sich darin wie ein tieffühlender Poet, dem seine erste Jugendliebe nie alt wird.
Jakobi war ein origineller Mensch, sein Gefühl wurde zuweilen verstopft, wie eine Wasserleitung, floß aber dann desto reichlicher. Nach Schröders Tode hatte er fast ein Jahr verstreichen lassen, ohne der Frau irgend ein Zeichen von Condolenz zugehen zu lassen. Da ritt er plötzlich, an einem Sonntage, zu der würdigen Wittwe des großen Mimen, nach dem zwei Meilen entfernten Rellingen, erhielt Audienz und brach jetzt in einen so lebhaften Schmerz über den Tod des Großmeisters aus, und suchte so lebendig die arme Wittwe zu trösten, daß ein jeder Gegenwärtiger nothwendig auf die Idee kommen mußte, der gute Schröder sei erst gestern gestorben. So frisch schien Jakobis ungeheuchelter Schmerz, welcher übrigens der Wittwe, trotz aller wehmüthigen Erinnerung ein Lächeln und die Antwort: »Ihre Theilnahme, lieber Jakobi freut mich ungemein. Aber wie kommen Sie denn damit so spät?« entlockt haben soll.