Mit den Schmerz über nahe Hingeschiedene ist es übrigens ein eigen Ding. Es ist nothwendig, aber höchst unpoetisch, daß die Zeit den Gram über den doch so nothwendigen Tod besiegt. Und doch, wer läßt sich in der Zeit des Schmerzes diesen nehmen, wer glaubt nicht an seine Unsterblichkeit? — Welcher Bräutigam denkt je daran, seine verstorbene Geliebte ersetzt zu sehen, welche Wittwe von Gefühl meint an seinem Sarge, daß des seligen Gatten Stelle je wieder von einem Andern eingenommen werden könne? —
Die Indianischen Weiber haben den poetischen Feuertod erfunden, um den Moment des Übergang zum geringeren Schmerz zu coupiren, für den sich vielleicht noch viel mehr sagen lassen würde, wenn eine einzige Geliebte dem verstorbenen Gatten nachfolgte, obgleich die durch den Tod sich versöhnende Eifersucht auch etwas Rührendes hat; ich habe aber einen protestantischen Geistlichen gekannt, welcher den Schmerz durch eine übermäßige Nahrung desselben verkohlen lassen wollte.
Er war nämlich schon etwa eine Stunde aus der Residenz auf dem Heimweg nach seiner Dorfpfarre, als es ihm einfiel, daß er seinen Freund, den ich »Ranz« nennen will, und der seit acht Tagen Wittwer geworden war, nicht getröstet habe.
»Paul! kehr um,« rief er seinem Knechte zu, »ich muß wieder zurück.« »Ich muß Ranz trösten, der sein Weib verloren hat,« sprach dann zu seiner Frau gewendet; »diese Christenpflicht habe ich über diese Einkäufe schändlicher Weise vergessen.« — »Aber, lieber Mann! es regnet, als ob es vom Himmel mit Mulden gösse«, stellte die sanfte Frau vor.
»Thut nichts!« erwiderte der Enthusiast, der, eine nachgemachte zweite Tarpeja, bei einem Deichbruch schon einmal in die Bruchstelle gesprungen war und verlangt hatte, man solle ihn rings umher bedeichen und seinen doch zu Erde werdenden Körper schon als solchen ansehen, »ich muß Ranz trösten und ich werde meine Schnellmittel dabei anwenden.« — —
Frau, Kutscher und Pferde mußten gehorchen. Man fuhr zu Ranzens Pfarrei. —
Ranz lag auf dem Sopha. Er versuchte, Mittagsruhe zu halten. — »Ranz, ich bin hieher gekommen, um Dich zu trösten!« hub der eintretende Freund an, »weine Ranz.« — —
Ranz weinte. Aber kaum fing der Thränenstrom an, zu versiegen, als sein Freund »Homa« ihn durch rührende Erinnerungen an die Verstorbene zu einem neuen Thränenstrom aufforderte. Auch der verlief sich. —
Homa wiederholte diese Thränenerpressung noch einige Male. — Ranz ward endlich thränenlos.