»Du hast dem Schmerz sein Recht widerfahren lassen«, endete Homa, »jetzt aber ermanne dich und sei auch wieder lustig.«

Welche Wirkung dieser verminderte Septimaccord auf Ranz Stimmung gehabt, weiß ich nicht zu referiren. Indessen ist das Mittel originell und ich sehe nicht ein, warum man es nicht bei Jemandem, von dem man doch weiß, daß er seinen Schmerz ohnehin bald überlebt, anwenden sollte. Ich würde freilich einem solchen trösten Wollenden die Thüre zeigen. —

Herzfeld war ein guter Schauspieler, mit einem nur zu sehr sich überschreienden Tone. Vortrefflich waren auch Kühne, jetzt »Lenz« genannt, und der alte Schwarz. Das war ein ensemble, wie ich es niemals wiedergesehen. Lebrun trat zu meiner Zeit zum ersten Male, ich glaube als »Perin« in der Donna Diana auf und erkannte Zimmermann schon damals den künftigen Meister in ihm. Auch Lebrun ist schon von den Brettern getreten und von hartnäckigen körperlichen Leiden, welche übrigens die Kräfte seines Geistes zu steigern schienen, heimgesucht. Indessen habe ich ihn nie liebenswürdiger gefunden, als eben jetzt.

Unter den weiblichen Personen zeichneten sich vor allen eine Demoiselle Wrede, welche durch Gott Hymen vom Theater abgerufen wurde, und die allzu früh verstorbene Doctorin Reinhold aus; zwei Wesen, denen ein solches Unschuldsgas entströmte, daß der Theaterbesuch nur begeisternd auf die idealistische Jugend wirken konnte. Die letzte lernte ich als Primaner einmal bei einer Bostonparthie kennen, wo mich ihr Anblick so sehr entzückte und verwirrte, daß ich, ein vollkommen guter Spieler, die Farben verwechselte und noch mehr confus wurde, und bis über die Ohren erröthete, als die liebenswürdige Künstlerin die richtige Bemerkung machte: »Aber Sie bedienen ja nicht recht, immer Herz!«

Schöne Zeit, in der die Schauspielerinnen so begeistern! —

Unter den Trauerspielen, welche ich in Hamburg gesehen, machten keine mehr Wirkung auf mich, als die erste Aufführung von Müllner’s »Schuld« und die einzigste Hinrichtung, welche ich in meinem Leben gesehen; denn als Gesina Gottfried, die bekannte Giftmischerin, in unserm nachbarlichen Bremen decollirt wurde, hätten wie überhaupt auch keinen von der oldenburgischen geistigen Elite, mich nicht zwanzig Pferde wieder hingezogen, obgleich der damalige Bremer Schauspieldirector »Bethmann« uns Oldenburgern schriftlich anzeigte, daß er in den Tagen mit passenden Stücken aufwarten würde.

Catharina Margaretha Seep, hatte einen Raubmord an einer Verwandtin begangen, welche das Glück gehabt hatte, auf die von ihr geträumten Nummern eine Sechslingambe, etwa drei Preußische Thaler, in der dänischen Zahllotterie zu gewinnen. Ihr Seelsorger war mit den derben Worten: »Verflucht ist wer einen Menschen mordet«, zu ihr in die Gefangenenzelle getreten und hatte durch dies, in der That höchst ungewöhnliche Mittel, die Sünderin so zerknirscht, daß diese bald ganz reumüthig, oder wie Lichtenberg irgendwo sehr irreligiös aber sehr witzig sagt, als ein Kapaun für den Himmel fett gemacht wurde. —

Da acta Hamburgensia ergeben sollen, daß die feierliche Begleitung der Delinquenten, von Seiten der Geistlichen, in den ersten acht Tagen des vorigen Jahrhunderts, die Ursache mancher Mordthaten geworden ist, weil die Leute geglaubt haben, wenn sie auf dem letzten Wege, von einem Hochehrwürdigen begleitet wurden, recht selig zu sterben, so wird jetzt der Inquisit von einem Menschen begleitet, der ihm weiter keine Ehre anthun kann, wenn er gleich oft im Himmel besser vermitteln können mag, als mancher Geistlicher — vom Schinderknecht. Und der jenige, welcher die Begleitung der Catharina Margaretha Seep hatte, schien ein wohldenkender, nicht fühlloser Mensch zu sein, wenn sich gleich die Todesangst, welche er mit der armen Delinquentin theilen mochte, in ziemlich ungeeignete Phrasen auflös’te, von denen ich Ohrenzeuge war, da ich durch die Bekanntschaft mit einem Officier, in den engern Kreis gekommen war, welcher dicht am Eingange, zu dem mit einem Graben versehenen Richtplatze stand. Er tröstete nämlich die, nach dem Richtstuhl starrende und weinende Sünderin in abgebrochenen Sätzen immer also: — Swig man still Magret, — dat is so slimm nig — dat kann den Besten paßeeren, und zeigte auch noch nach ihrem Tode dieselbe Theilnahme, da er, anstatt den beim Schopf gefaßten Kopf, während der Scharfrichter mit seinem Degen vor dem Volk salutirte, ringsumher zu zeigen, ohnmächtig mit demselben in der blutigen Hand hinfiel. — Der Mann würde in Athen ein sehr populärer Henker sein. —

Bei dieser Gelegenheit habe ich erst recht die Stelle in Göthe’s Faust: