Von dem Augenblick an entschloß ich mich, jedem burschikosen Treiben zu entsagen. Wer mein academisches Leben von jetzt an verfolgt, wird mir das Zeugniß anhaltenden Fleißes nicht versagen. Ich war aber auch recht sehr zurück, ich mußte wol mit drei bis vier Studentenkraft arbeiten, und habe es am Ende doch nicht weit gebracht, weil ich sehr kränklich wurde. Ich bekam nämlich die gallopirende Schwindsucht, die mein vortrefflicher Arzt, der Doktor Ritter, dessen Liebe oder Kunst ich mein Leben verdanke, erst in den Trab, dann in Schritt setzte und die mich endlich aus Langeweile gänzlich verließ. —

Die Geschichte mit dem Advokaten ist noch nicht aus. Am ersten schönen Frühlingstage ging D—r im Schloßgarten. Bald darauf hörte man Hülfe rufen. Der Rathsdiener, welcher sich in der Nähe auch auf einem Spatziergange von der Sonne bescheinen ließ, und überhaupt gerne bei Verhinderung des Hochweisen Senats das Geschäft eines Friedensrichters übernahm, folgte unverzüglich dem Angstgeschrei und fand: — — — — — Man hörte ihn, sobald er in das Dickicht getreten war, ausrufen:

»Im Namen Seiner Majestät des Königs Friedrich des Sechsten von Dänemark, Erben von Schweden und Norwegen, Herrn von Ditmarsen, Wagrien, Stomarn Administrator[12] der Grafschaft Ranzau u. s. w. u. s. w. beschwöre ich Sie, meine sehr verehrtesten Herren Obergerichtsadvocaten! nicht den Landfrieden durch handgreifliche Betastungen, welche durchaus dem Charakter von Realinjurien an sich zu tragen den Anschein gewinnen möchten, zu stören und nicht den Schloßgarten Seiner Majestät diesen durch und durch befriedeten geheiligten Ort, durch solche Acte unfreiwilliger Gerichtsbarkeit zu entweihen.« —

Am andern Tage hieß es in Kiel, der Advocat D—r sei gestern vom Advocat D—s im Schloßgarten angefallen und gemißhandelt worden. Nur die Intervention des rechtskundigen Rathsdieners habe größeres Unglück verhütet.

Der Advocat D—r reichte sofort eine Denunciation wegen Landfriedenbruchs und Wegelagerung bei dem competenten foro des delicti commissi ein. Wir, der Rechtswissenschaft Beflissene, fanden die erste Beschuldigung doch zu sehr übertrieben und waren der Meinung, daß zum Landfriedensbruch doch wenigstens ein Pluralis gehöre.

Ein halbes Jahr darauf wurde ich vor das arctius citirt, welches, wenn ich nicht irre, aus der Quintessenz, wenigstens aus fünfen des academischen Senats bestand.

Ich wurde aufgefordert, zu erzählen, welch eine Bewandtniß es mit einer angeblich von mir überbrachten Forderung des Advocaten D—s an den Herrn Advocaten D—r habe.

Ich referirte dem arctius die Sache, wie jetzt dem verehrten Leser, und wünsche bei dem letzten dieselbe unverbissene Hilarität zu erwecken, die ich damals bei den ehrwürdigen Vätern zu erregen schien. Als diese indessen in ein nicht länger verhaltbares Lachen ausbrechen wollten, mußte ich abtreten.

Nach wenigen Minuten wurde ich wieder vorgerufen. Ich befürchtete innerlich jetzt, die erste academische Rüge zu erhalten. — Denn wenn ich ja einmal in Heidelberg hier und da eine verdient hatte, so pflegte ich reiche, auch im Philisterio dereinst unabhängige Füchse hin zu schicken, die von der Natur dazu construirt waren, einen Tag Carcer zu ihren Lebensfreuden zu rechnen, und Nichts eifriger zu thun hatten, als solche und ähnliche Memorabilien zu sammeln, um sie dereinst als Rittergutsbesitzer, oder im Besitz städtischer Ehrenposten beim Glase Champagner wieder zu erzählen.

»Der arctius kann nicht umhin,« begann der Vorsitzende der Burschen-Hermandad, »Sie, lieber Herr von Kobbe! darauf aufmerksam zu machen, wie nahe Sie daran gewesen wären, die Gesetze zu übertreten, wenn die Forderung des Advocaten D—s vom Advocaten D—r angenommen worden wäre.«