Dieses ehemalige Vorbild besuchte uns täglich. Da wir gewöhnlich beschäftigt waren, mußte er fast immer lesen bis zum Thee, bei dem wir nach vierzehnstündiger Arbeit ruhten. Er nahm gewöhnlich den dänischen Staatskalender, in den er übrigens selbst nie gekommen ist zur Hand.

Eines Tages erzählte er uns, daß er auch auf einen Studentencommersch zu gehen beabsichtige. Sein Vater habe es ihm erlaubt, ihm indessen verboten, Brüderschaft mit Theologen zu trinken. »Denn«, habe er gesagt, »es wäre doch immerhin möglich, daß wir unsere jetzt verpfändeten und in Prozeß befangenen Güter wieder erhielten und daß ein solcher Universitätsfreund einmal unser Pfarrer würde, dann würde sich aber eine Brüderschaft zwischen Euch beiden doch nicht schicken.«

Welche Eventualmaxime!

Jährlich, zur Zeit der Messe, »Kieler Umschlag« genannt, wegen dessen näherer Beschreibung ich gleichfalls auf meinen Aufsatz in der Pandora verweisen muß, war in Kiel Theater. Der Schauspieldirector Santo war ein vortrefflicher Musikkenner und hätte daher wenigstens etwas für die Oper gethan, wenn er nicht allzu öconomisch gewesen wäre. Er hatte zwei Pflegetöchter, Kinder des verstorbenen Schauspieldirectors Breyther, welche die Lieblinge des Publikums und in specie der Studenten waren, in deren Namen ich im Jahre 1819 noch nach Beendigung des Umschlags vom dermaligen Magnificus, dem sehr liebenswürdigen Professor Falk, die Erlaubniß zu einer Vorstellung, welche zum Benefiz der Breyther’schen Kinder dienen sollte, erbat. — Ich hatte dabei zur Bedingung gemacht, das aufzuführende Quodlibet wählen zu dürfen, und suchte nun lauter Scenen worin meine Protegnes vorzüglich glänzten. Leider hatte die älteste, ein liebliches Mädchen, ihre erste Liebe an einen jungen ausschweifenden Menschen, den Tenoristen und Sohn eines berühmten Hamburger Schauspielers weggeworfen, der, wenn er, was häufig der Fall, von nächtlichen Orgien heiser war, bloß auf der Bühne gesticulirte, während ein anderer Schauspieler, ein Sachse, dem Hände und Füße im Wege standen, zwar nur nicht mit gleich schöner, aber doch mit frischer Stimme, das Alibi, der anderen hinter den Coulissen ergänzte, ohne daß das Kieler Publikum während des ganzen Marktes diesen Betrug bemerkte. Louise Breyhter wollte aber nicht von ihrem Schatz lassen, ja sie ging in der Nacht nach jenem Benefiz wovon sie indessen wenig bekommen haben mag, mit ihrem Geliebten durch.

Wir hatten alle schon eine halbe Ahnung davon, denn sie sang das Duett:

Ewig bleib ich der (die) Deine,

Ewig bleibst Du die (der) Meine,

Was auch der Alte spricht

mit ihrem Geliebten, indem sie auf Santo, der im Theater dirigirte, auf den sie Beide mit dem Finger hinwiesen, in solcher Laune, daß man eine italiänische Oper, worin zwei Liebende und ein geprellter Alter agiren, nur zu lebendig vor Augen sah. Ein donnernder Applaus hatte das liebende Paar vielleicht noch insbesondere zu ihrer leichtsinnigen Reise auf gemeinschaftliche Kosten begeistert.

Einer der witzigsten Studenten war der joviale Dr. med. O.... in Krempe. In der Neujahrsnacht schrieb er an die Thür des damaligen Polizeiministers, der ein braver Mann war, aber etwas zu sehr brevi manu entschied: »Fiat justitia«, und an die Thür dessen Nachbars eines theoretisch sehr gebildeten Arztes, der aber am Krankenlager nicht glücklich war: »Pereat mundus.« Diese für keinen Arzt schmeichelhafte Inscription war für den Beleidigten um so betrübender, als derselbe den Spottnamen Würgengel führte, den er daher hatte, daß er einmal Arzt in einer Ruhrepidemie gewesen war, wo der Familienvater Frau und sieben Kinder verloren. Als nun der Gebeugte, nachdem er die Seinigen begraben, seinen Verlust im Wochenblatt angezeigt, hatte er dies mit den Worten gethan: