»Und wie heißt noch der academische Freund, von dem Sie so viel Vortreffliches erzählen, mit dem Sie in stetem Briefwechsel stehen, von dem Sie jeden Mittewochenmorgen einen so enggeschriebenen Brief in Oldenburg erhalten und dem Sie in jeder Woche auf gleiche Weise wieder antworten?«
»Dieser Freund, der größte Schatz meines Lebens, dem ich nicht würdig bin die Schuhriemen zu lösen, der mir in allem Guten ein ewiges Vorbild in Wissenschaft und Herzensgüte ist, den ich jetzt zum ersten Male und in Zukunft jährlich aufsuchen zu können hoffe, ist der hochgeachtete Professor an der polytechnischen Schule, Philipp Stieffel in Carlsruhe.« —
»Sehen Sie das hübsche Eckhaus. Dort ist er geboren. Dort wohnt sein wackerer Vater.«
Neuntes Kapitel.
Die fernere Rückreise. Frankfurt am Main. Die Judengasse. Baron W — s. Gießen. Der räthselhafte Fremde. Die beiden französischen Berliner. Kassel.
Ich war in Frankfurt am Main angekommen und im Weidenhof abgestiegen. Mein guter Wille, mich mit den Sehenswürdigkeiten der Stadt bekannt zu machen, wurde mir, wie noch so oft später, durch die Judengasse vereitelt, wohin es mich magnetisch zog und aus der ich auch durch keine andere Reizung heraus zu bringen im Stande war. Ich betrachtete das Volk Gottes, das durch die christliche Liebe, in Schmutz und Elend zusammen gepfercht, hier haus’t, grade wie jene Thiere, deren anatomische Beschaffenheit so viele Ähnlichkeit mit den Menschen haben, die sich doch so ungerne mit jenen vergleichen lassen. Von allen Geisteskräften ist den Israeliten nichts geblieben als die List, welche Kant »klein« aber »schön« nennt. Der gottesläugnerische Witz ist ihr Orakel. Sie betrachten sich wie freiwillige Parias, zufrieden mit dem Recht des Handels, den sie vor ihren schmutzigen dumpfen Wohnungen treiben. Aber so wie die Contrevolution in allen Dingen herrscht, so macht sich auch der unterdrückte kosmopolitische Jesus Christus um so lebhafter in ihrem Familienleben geltend. Es ist rührend zu sehen wie der Jude seine leidende Gattin und seine kranken Kinder verpflegt, wie er den blinden Vater ins Freie und wo möglich in die Sonne, welche in der Frankfurter Judengasse ihn kaum zu bescheinen vermag, trägt, und wie er keine Ausgabe scheut um diesen Hülfe und Dienstleistungen zu gewähren. — Wahrlich! ich habe in dieser Beziehung keinen solchen Glauben wie in Israel gefunden. —
Christliche Fürsten! Ihr habt größtentheils Leichdörner und Juden. Wißt Ihr wie Ihr Euch von beiden befreit? — Von den letzten wie von den ersten, durch Aufhebung des Druckes. Glaubt nur es ist kein Plaisir für den Juden heutigen Tages es mehr zu sein, nur in dem Schmerz seiner Unterdrückung findet er noch Wollust Jude zu bleiben.
Es war 2 Uhr Mittags geworden, und man schellte zur table d’hôte! Ich hatte kaum Platz genommen, als ein alter Mann herein trat, welcher der Einladung eines Stammgastes, sich neben ihn zu setzen, mit den Worten sich entzog: »Sie kennen meine Liebhaberei, und wissen, warum ich gerne Bekanntschaften mit den Fremden mache;« und zu gleicher Zeit, während man uns die Suppe servirte, dem Kellner winkte, seinen Caffee auf einen unbesetzten Platz neben dem meinigen zu bringen. »Eine Secunde nur, lieber Baron!« rief der Stammgast, »wir lasen heute auf dem Casino ein Wort, das keiner wußte. Ich nahm mir gleich vor, Sie heute Mittag zu fragen. Was heißt »Falkiren«?«