»Falkiren heißt ein Pferd auf das Hintertheil setzen,« rief der dadurch auch mich belehrende Baron, und schritt dann auf den bezeichneten Platz zu, den er mit einem verbindlichen Gruß gegen mich einnahm.
Ich hatte mich inzwischen schon nach seiner Persönlichkeit bei dem Oberkellner erkundigt. »Es ist der Baron von W—s« hatte mir dieser entgegnet. Es ist der merkwürdigste Mensch, den ich in meinem Leben gesehen habe; Alles weiß er, Alles kann er, aber Alles opfert er auch seiner einzigen merkwürdigen Liebhaberei; doch ich werde ihnen nicht vorgreifen, sie sollen ihn selbst kennen lernen, denn um seiner eben erwähnten Passion willen sucht et stets neue Bekanntschaften zu machen. Der alte Herr zählt übrigens schon vier und achtzig Jahre, obgleich er erst jeden Morgen um vier Uhr zu Bette geht, das er Mittags um zwei Uhr erst wieder verläßt.
Der Baron wurde indessen sogleich in ein Gespräch mit seinem Uebernachbar verwickelt, der von ihm »Legationsrath« angeredet wurde und wie es mir schien, in B—schen Diensten stand. Dieser sprach von einer Brochüre, welche an die Restauration der Staatswissenschaften des Herrn von Haller erinnert, und vertheidigte den Satz, daß es die ewige unabänderliche Ordnung Gottes sei, daß der Mächtige herrschen müsse, und immer herrschen werde. Nach dieser zerfleische auch der Geier das unschuldige Lamm, und die durch Gesetzkenntniß Mächtigeren thäten ganz recht daran, die gläubigen Schutzbedürftigen, als die Schwachen, zu plündern. Dann ging er zu den Verhältnissen des Staats zur Religion über, und wollte den erstern der letztern ganz untergeordnet wissen.
»Es kommt nur darauf an,« schmunzelte der Baron, »daß man das Verhältnis von Staat und Religion richtig faßt, oder vielmehr ihren Begriff in sich aufnimmt. Die Religion hat die absolute Wahrheit zu ihrem Inhalt, und damit fällt auch das Höchste der Gesinnung in sie. Als Anschauung, Gefühl, vorstellende Erkenntniß, die sich mit Gott, als der uneingeschränkten Grundlage und Ursache, an der Alles hängt, beschäftigt, enthält sie die Forderung, daß Alles auch in dieser Beziehung gefaßt werde, und in ihr seine Bestätigung, Rechtfertigung, Vergewisserung erlangt. Die Religion bildet so die Grundlage, der Staat ist göttlicher Wille, ein gegenwärtiger sich zur wirklichen Gestalt und Organisation einer Welt entfaltender Geist. Die Religion ist das Verhältnis zum Absoluten in Form des Gefühls, der Vorstellung des Glaubens, und in ihrem Alles enthaltenden Centrum ist Alles nur als ein Accidentelles auch Verschwindendes. Wird an dieser Form auch in Beziehung auf den Staat so fest gehalten, daß sie auch für ihn das wesentlich Bestimmende und Gültige sei, so ist er, als der zu bestehenden Unterschieden, Gesetzen und Einrichtungen entwickelte Organismus, dem Schwanken, der Unsicherheit und Zerrüttung, Preis gegeben.« —
Das Gespräch wurde hier unterbrochen, da der Legationsrath herausgerufen wurde. Er kehrte zwar sogleich zurück, verließ uns aber sofort, da er noch nachträglich von einem Gesandten zu einem Diner eingeladen war. »Leben Sie wohl, lieber Herr Baron«, sagte er, »ich hoffe, Sie werden morgen das belehrende Gespräch wieder fortsetzen.«
»Sehr gerne, geehrter Herr Legationsrath,« versetzte der Angeredete, »allein vergessen Sie nicht das Versprochene von Tufstein.«
»Ein Wort ein Mann,« lächelte der Legationsrath verschwindend.
Ich aber hatte, nicht ohne Erstaunen, den wenigen Worten des Mannes zugehorcht, so viele Hegelsche Weisheit, die sich fast wörtlich in der Geschichte der Philosophie des Rechts dieses großen Meisters wiederfindet, in dem Gespräche des fast vier und achtzigjährigen Greises zu hören.