Er nahm die Veranlassung mit mir ein Gespräch anzuknüpfen, dadurch, daß er mir erzählte, wie morgen eine vortreffliche Oper »der Wasserträger,« von Cherubini, gegeben werde. Schon damals urtheilte er über die Wichtigkeit eines guten Sujets zu einer Oper, gerade, wie sich in den Gesprächen Eckermanns mit Göthe aufgezeichnet findet, indem er behauptete, daß man eigentlich ein so gutes Sujet haben müsse, daß man es ohne Musik, als ein bloßes Stück geben könne. »Die Componisten begreifen nicht die Wichtigkeit einer guten Unterlage,« endete er.
Nun verbreitete sich der Baron über mehrere Gegenstände der Wissenschaft und Kunst, und ich gestehe, nie ein reiferes, überzeugenderes Urtheil über alle Gegenstände, als von diesem Manne gehört zu haben. Es wurde mir, dem Zwanzigjährigen, wunderbar bei diesem Nestor zu Muthe. Mich tröstete zwar der Gedanke, noch lange hin zu haben, bis zu vier und achtzig Jahren, aber in meines Nichts durchbohrendem Gefühle, fand ich mich doch von diesem Weisen tief entmuthigt. Er fragte nun nach meinem Namen, wußte nun sogar, daß meine Familie zu den Osterstadern Junkern gehöre, welche man spottweise einmal »Bohnenjunker« genannt hat, machte mich aber für diesen Scherz gleichsam, noch begütigend, auch wieder darauf aufmerksam, daß es schon Kobbe’s unter Karl dem Großen in jener Gegend gegeben habe. Ich sperrte sehr den Studentenmund auf, so viel Notizen über meine Familie bei einem süddeutschen Baron zu finden, noch mehr aber erstaunte ich, als er mich auf das dänische Handwörterbuch von Müller verwies, und mir zu gleicher Zeit erklärte, daß ich eigentlich meinen Geschlechtsnamen dem Seehunde verdanke. Wirklich ergiebt dies Lexicon, daß Kobbe — Seehund, besonders in Norwegen bedeutet. Nach Heibergs Vermuthung ist der deutsche Name Robbe nur aus dem falsch gehörten Kobbe entstanden.
Das Desert wurde aufgetragen.
»Apropos, lieber Herr von Kobbe,« begann der Baron, indem er mir eine Priese darbot, »Sie sind ja ein Holsteiner, und werden den Grafen M. v. N. kennen?« Ich bejahte dies. »Graf M. war der Vater meines Jugendfreundes, dessen ich im ersten Capitel dieser Schrift gedacht habe.« »Nun so müssen Sie mir Ihr Ehrenwort geben, eine Forderung an ihn auszurichten.« »Wenn es nicht auf Tod und Leben ist,« versetzte ich, mich an das unglückliche Duell meines Freundes in diesem Augenblick erinnernd. »Es ist eine Forderung«, entgegnete er, »aber keine Herausforderung. Der Graf M. hat mir eine Dose von Segeberger Kalk versprochen.«
»Von Segeberger Kalk?« fragte ich gedehnt.
»Ja, von Segeberger Kalk. Sie müssen wissen, lieber Herr von Kobbe, daß ich nur Eine Liebhaberei habe für die ich lebe. Es ist die, meine Sammlung von Schnupftabacksdosen zu vermehren. Ich habe deren jetzt gerade so viele, wie Tage im Jahre, dreihundert fünf und sechszig. Ich nehme keine Doublette, ich habe nur Eine goldene, Eine silberne, Eine kupferne, aber ich suche sie von allen Stoffen auf der Welt zusammen zu bringen. Hier auf der selben Stelle, wo Sie sitzen, lernte ich den Grafen M. kennen. Wir erlebten hier einige frohe Mittage, namentlich erinnerten wir uns unseres gemeinschaftlichen Freundes, des Dichters Baggesen, von denen ich ihnen noch eine komische Geschichte zum Besten geben muß, die er mir selbst erzählt hat. Baggesen war bekanntlich ein großer Freund der Franzosen und Napoleons und eben deßhalb in Kopenhagen nicht gut angeschrieben. Eines Tages wurde er zum Polizeiminister K. gerufen, dem bekannten wüthenden Napoleonisten. »Sie müssen funfzig Thaler Strafe bezahlen, Baggesen,« redete ihn K. an, »weil Sie gegen die Polizeiverordnung geschrieben haben!« »Das wüßte ich nicht Ew. Excellenz«, erwiederte Baggesen, »ich bitte mir dies zu belegen.«
K. holt die Polizeiverordnung. B. läßt sich mit der Versicherung, daß erst am Morgen das Gesetz gelesen, gegen welches er peccirte, nicht abweisen. Endlich zeigt ihm dieser einen Artikel, welcher lautet:
»Es soll bei hoher Strafe verboten sein, etwas gegen unsere Alliirten zu schreiben; und Sie haben etwas gegen Napoleon geschrieben,« endete er.
»Das habe ich allerdings gethan, Ew. Excellenz! aber zu einer Zeit, als Sr. Majestät, unser Allergnädigster König, Napoleon den Krieg erklärt hatte, ich sehe keine strafbare Handlung darin.« »Baggesen!« erwiederte der Minister vorstellend, »so viel Logik werden Sie als Doctor und Poet doch wohl haben, daß wenn es bei großer Strafe verboten ist, etwas gegen unsere Alliirten zu schreiben, es doch bei kleiner Strafe verboten sein muß, etwas gegen die zu schreiben, welche nicht mit uns alliirt sind.«