Der Ernst, womit ich diese Worte aussprach, erregte einige saure Gesichter. Gemeine Seelen empfinden es schmerzhaft wenn Menschen besser sind als ihr Ruf. — Sie haben nicht einmal die Gutmüthigkeit jenes Vechtaer Juden, welcher einen Spaßvogel fragte, ob er denn nicht heute zur Execution eines Raubmörders nach dem einige Meilen entfernten Städtchen Diepholz gefahren sei, und als er die Antwort erhalten, »der Befragte habe hingewollt, aber sei zu Hause geblieben weil er die Nachricht bekommen, daß der Verurtheilte begnadigt sei,« — ausrief: »Es freut mich für den Menschen — aber, au waih! geschrieen für meine Femilie. Die ist hin zu sehn das Koppabschlagen. Und der Wagen kostet mich, bei mein Gesundheit, Einen Thaler acht und vierzig Grote.«

Schon hatte ich beinahe den Scharfrichterverdacht von meinem Stubengenossen gewälzt, als die Frau von Z., eine Rheinländerin, ausrief:

»Ne dat Ding kann ich nicht globe, de Kechin und das Nähmädchen habe es mir Alles zu gewiß erzählt. Ich muß mit de Behde noch ehnmal darüber spreche.«

»Ick geh’ mit, mein Kind,« bemerkte der Mann und hinkte seiner eilenden Gattin nach, welche die Nachfolge ihres Nicht-Ehegebieters nicht eben zu erfreuen schien.

»Brüderken! gehst du noch mal mit in die Küche?« rief der jüngste Defrene.

»Et is alles egal,« sprach das bejahende Doppelkinn, »laßt uns Mal Ehnen satirischen Feldzug zu die Köchin und zu die Näherin unternehmen.«

Die Quadrupelallianz war bald verschwunden. Ich wartete noch eine Zeitlang auf meinen Contubernalen, und folgte, da dieser sich bei seinen Collegen zu verspäten schien, der Einladung eines inzwischen eingetretenen Officiers, heute die Maskerade im Schauspielhause mit anzusehen. Leider war hier Spiel, und zwar das verführerische Roulett. Zwei Male kam auch richtig meine Lieblingnummer, »vingt-sept, rouge impair et passe« heraus; das erste Mal aber, als ich in den Saal trat und nicht gesetzt hatte. — Zum Zweiten, als ich den vorhergehenden coup mein letztes Achtgutegroschenstück verloren hatte. Glücklicherweise hatte meine letzte Pistole durch ein Loch in der Tasche des Beinkleides, sich der allgemeinen Conseription entzogen. Sie war in den Stiefel geglitten und bewahrte mich vor gänzlicher Armuth. Ich dankte Gott, daß meine Post bis Hannover, wo ich einen hülfreichen Universitätsfreund hatte, bereits bezahlt war. — Unter den Zuschauern schien Einer viel Theilnahme an meinen guignon zu nehmen. Ich erinnerte mich seit Jahren dankbar. Er gab mir, glaube ich sogar, den wohlmeinenden Rath nicht mehr zu spielen, als ich kein Geld mehr hatte. Aber wie wunderte ich mich, als ich nach mehreren Jahren dieselbe Physiognomie in Nenndorf, als einem Bankier des Hazardsspiels angehörig, wiedersah. Dasselbe fromme Gesicht, dieselbe tremulante Stimme, dieselben dürren Spielfinger, womit er, wenn das Höllenfeuer des Rouletts und des Pharaos ruhte, die Ohren der Kinder seiner Pointeurs, mit Liebkosungen und Segnungen bestrich, indem er wol im Stillen dachte: »O könnte ich Euch gleich so groß so erwachsen in die Höhe ziehn, damit Ihr dasjenige, was Eure Väter noch nicht an mich verloren, anbringen könntet.«

Bei dieser Erinnerung an Nenndorf fällt mir ein, daß dort die Hunde dem Sprichwort »Bankier ist ein Hund« viel Qualität verleihn. Die Hauptspieler sind namentlich Bürger aus Hannover, welche an den Spieltagen, Sonntags und Donnerstags, theils in Geschäftswagen, theils als chevaliers de demie fortune in Einspännern, oder auch wol um alles zu verspielen, gar zu Fuß, ihren Feldzug gegen die Blutsauger unternehmen. Die vornehmeren betrügen bei ihrer Ankunft gewöhnlich ihren Magen, indem sie sich gegenseitig versichern, daß sie noch keinen Appetit zum Essen haben, — und daß sie tüchtig zusammen soupiren wollen. »Die essen jetzt nicht, aus Ungeduld an die Bank zu kommen,« pflegte der alte Zahn dann wohl prophetisch zu flüstern, »geben Sie Acht, die lassen heute Abend die Zeche anschreiben und ich muß Ihnen noch Geld zur Rückreise überher geben.«

Die Honoratioren des mittleren Bürgerstandes pflegen in einem benachbarten Wäldchen Toilette zu machen, wohin sie auch mit ihren leeren Börsen zu ihrer dort oft weidenden Rosinante zurückkehren, und dann bei dem Gesange des Spottvogels ihr mitgebrachtes Abendbrod verzehren. Der Platz hat davon den Namen »Schinkenhölzchen,« und ist der heilige Hain aller Hunde Nenndorfs geworden. Denn kaum hat ein Banquier die letzten drei Züge gethan, so stürzen die vor dem Conversationshause versammelten Vierfüßler nach dem Schinkenhölzchen, um dort mit den auf den Hund gekommene Hanoveranern als nachfolgende Gäste ein Abendessen zu halten, und die Knochen durch Vertilgung derselben, vor der Sünde, wieder ein Würfel zu werden, zu bewahren. — An einem Abend, wo mehrere Hanoveraner über Wunstorf nach Hause fuhren, kamen die betrogenen Hunde ganz traurig zurück und gewährten einen Anblick zum Todtlachen. Sie begegneten den Banquiers welche auch gesenkten Blickes gingen, da ein berauschter Student, der auf meinen väterlichen Rath mit einem treuen Freunde und seinem Gewinn in die Heimath gereis’t war, sie tüchtig ausgebeutelt hatte. Die Blicke der Menschen wie der Hunde schienen sich zu verstehen.

Arm am Beutel, krank am Herzen, kehrte ich in mein Hotel zurück. Ich fand meinen Scharfrichter im tiefen Schlaf und zwar derb schnarchend, ich hätte ihm gerne ein »dosine tandem carnifex!« zugerufen, ich fürchtete aber, daß er das Schnarchen dadurch nicht, wie August das zum Tode verurtheilen, nachlassen würde. Alles Geräusch, selbst der Versuch ihn zu wecken, war umsonst, ich legte mich bald rechts bald links, der Schlaf floh mich. — Voll Verzweiflung warf ich mich der Poesie in die Arme. Es entstand in dieser Nacht die erste Scene meines Burschenerdenwallen, welches später im Jahr 1826 bei Wilhelm Kaiser erschienen ist und wovon eine Scene als Probe des ganzen Büchlein, hier einen Platz finden mag. Sie ist übrigens eine erlebte.