Als ich an die Table d’hôte kam fand ich meine Reisegefährten schon in der unverdrossensten Kinnbackenarbeit. Aber kaum gewahrten die mich als sie Gabel und Messer niederlegten und mir durchaus à tempo zuriefen. »Wissen Sie denn jetzt wer der Fremde ist der oben mit Ihnen auf einem Zimmer logirt?«
Ich machte ein verneinendes Zeichen.
»Der Kerl, welcher sich gegen einen Militair und Edelmann so hochmüthig beträgt, ist nichts anders als ein — — —«
Hiebei machten alle vier mit beiden Händen an ihrem eignen Kopfe eine höchst lächerliche Pantomime. Sie thaten nämlich als ob sie sich selbst das Haupt aus den Schultern sägen wollten, bis der Redner, welcher sein »ist ein« — noch mehrere Male lang gedehnt wiederholt hatte, mit einem
»Scharfrichter«
herausplatzte. Die Berliner meinten, so etwas hätten sie dem »juten Freund«, trotz seines Vornehmthuns schon längst anjesehen. Sie bedauerten dabei nichts mehr als daß ihr jeistreicher Cousin nicht zujegen sei, der hätte dem Scharfrichter mit seinem Witz, wie sie sich ausdrückten, mich nicht dich nichts seinen »hochmüthigen Kopp« wol herunterjehauen. Des wäre eine Scene für Jötter und für Menschen zum Todtlachen jewesen.
Die Frau von Z—, wußte aber schon viel mehr specialia, welche sie in der Küche gesammelt haben wollte. Nach der Köchin Erzählung sei der Scharfrichter ein hessischer Baron, der beim Hühnchenspielen als Kind dreien seiner Geschwister den Hals abgeschnitten habe, und deßhalb von den Eltern Jahrelang eingesperrt und nachher auf einer wüsten Insel ausgesetzt sei. Einer andern unverbürgten Nachricht der Nätherin zufolge wäre der Räthselhafte durch Lesung von Räuberromanen ein Anhänger von Rinaldini geworden, und hätte als solcher bereits experimentirt. Man hätte ihn in das Gefängniß geschleppt, woselbst die Familie, um die Schande zu unterdrücken, mit dem Kerkermeister durchgestochen und den Tod des Knaben vorgegeben, denselben aber dann unter fingirtem Namen in das Ausland geschickt habe.
Ich weiß zwar noch bis zur Stunde nicht wie die Sache zusammen hängt und wie das Dienstpersonal in der Küche zu den Notizen über unsern Mitpassagier gekommen war, indessen bin ich überhaupt nicht abgeneigt etwas Ähnliches, etwa einen leichtsinnigen Jugendstreich, der ihn früh von den Seinigen entfernt hat, anzunehmen. Die Schadenfreude aber, womit das Vierblatt über den Ruf des armen Scharfrichters herfiel, versetzte mich indessen in eine kalte Malice, und versicherte ich dem ehrabschneiderischem Quartett, daß das Ganze fingirt und selbst die Scene mit dem Offizier der Gießen eine Farce gewesen sei, um seine Reisegesellschaft ein wenig zu mystificiren. Sie möchten daher ihren malitiösen Glauben nicht zu sehr cultiviren, weil der Mecklenburgische Graf sie sonst am Ende gar zu sehr auslachen würde.