»Erst dankte er, alleene, ich nöthigte ihn zwei Male, wor’uff er sich nicht länger excüsirte,« unterbrach der Correferent den Berichterstatter, welcher verweisend fortfuhr:

»Et is ejal, jenug er trunk ihm. Aber der Herr war erschrecklich bebberig, er zitterte so unjeheuer, dat er meinen Cousin, der immer sehr nach die Mode jekleidet war und dieses aparti vorzüglich am Sonntage, das halbe Glas von dem braunen Rum uff seine Tricotbeinkleider goß. Während dieser sich nun, in dem Nichtbewußtsein das Jedahne verübt zu haben, entfernte, und janz arglos aus die Stubenthüre sich mit Einem »ich empfehle mir Sie« gegangen war, hatte mein Cousin, der ein ville zu sehr gebildeter Mensch ist und ville zu ville Lebensart hat um das Gastrecht zu beleidigen und den Fremden aufzubieten, — doch über die Beschmutzung seiner Lieblingsbeinkleider einen so rothen Kopp wie ein Puter bekommen, und fing jetzt an, entsetzlich unanjenehm zu werden. — Als sich der Sturm aber etwas verpuhst hatte, da fragte er, wie der Fremde denn ejentlich heißen thäte. — Lise wurde gerufen. Die sagte gleich, der Herr hätte ein Vornamen zum Zunamen, des wüßte sie wohl, aber jenauer könnte sie den Namen jar nicht beschreiben, — Ick hätte aber ja den Namen für die Polizei von ihr in Empfang jenommen und in die Westentasche gesteckt. Und denken Sie sich, ich hatte jrade diselbe Weste an, die ich den Freitag jetragen. Und des war ein Glück dat des alles so kommen mußte, denn, wäre das nich so gekommen, und es wären mich drei Tage verstrichen, so hätte ick Strafe uff der Polizei für einen unbeherbergten oder vielmehr unanjezeigten Fremden bezahlen müssen. — Aber kaum hatte ich den Zettel an meinen Cousin jezeigt, als dieser janz siegestrunken uffsprang und ausrief: »Friedrichs, Schriftsteller,« jeh heruff und bitt ihn, daß er herunter kommt, er kann mir dreist noch zehn Male begießen. Friedrichs der Satiriker, ist der größte wenn auch nicht gelebt habende, doch leben werdende und man kann noch wol sagen lebende Dichter, den es giebt. Sie können denken, wie diese wirkliche und nicht jeschmückte Bejeisterung von unsern jebildeten Cousin uff meinen Bruder wirkte. Dieses Lob hören und gleich nach alle Lesebibliotheken schicken, war das Werk von Ehner Minute. Acht Dage waren mein Bruder und ich wie eingespunnt bei die satirischen Feldzüge. Kehner wollte heraus wenn ehner vor den Laden kam. Ehner las bestimmt im Friedrichs, und blieb uff den Fleck und wenn ooch vier Personen Cigarren haben wollten. Aber ick stimme mit meinem Vetter darin überein: »Friedrichs ist der größte leben werdende Dichter seiner Zeit.«

»Und wie wurde es mit der ferneren persönlichen Bekanntschaft des Dichters?« forschte ich.

Ick habe ihn nur ein einziges Mal wieder gesehen, erwiederte Defrene etwas kleinlaut, ick sagte ick wünschte mit ihm über seine satirischen Feldzüge zu reden. Es versetzte mich aber fast verdrießlich, daß er jrade keene Zeit nich habe mit mich darüber zu reden. Ick mußte mich den Mund wischen. »Sie wissen, wie die Jelehrten oft sind, so schrecklich aparti.«

»Allerdings,« endete ich, und dachte an den Studiosus Meyer und an den großen Jean Paul.

Diese Unterhaltungen dauerten im gleichen Genre fort. Da ich keinen Spiritus familiaris im Wagen hatte, der die sich entwickelnde Lächerlichkeit mit mir theilen konnte, fingen sie an, mich sehr zu ermüden. Der Holländer und seine Frau brachten langweilige Geistergeschichten auf das Tapet, die mich gewiß in Morpheus Arme versenkt hätten, wenn ich überall im Stande wäre, die erste Nacht im Wagen schlafen zu können. Ich tauschte daher auf der nächsten Station mit dem Conducteur und nahm meinen Platz neben dem räthselhaften Fremden ein.

Derselbe zeigte sich jetzt freundlich und gesprächig. Indessen kamen wir nur auf ernste Materien. Wir redeten viel über Criminalgeschichten und namentlich über den Fonkschen Proceß, der damals viel besprochen wurde. Dann wandte sich die Conversation auf entfernte Länder und Welttheile. Allenthalben war mein Reisegefährte, der sich immer nur als Oeconom ankündigte, zu Hause, wenn sein Urtheil auch fortwährend eine düstere, wenn gleich nicht strenge Färbung trug. Seine ganze Person schien mir immer mehr ein Geheimniß, ich wurde an den Prinzen mit der eisernen Maske erinnert. Indessen konnte ich es zu meinem eignen Ärger nicht über mich gewinnen, an dem Schleier zu zerren, welcher die Herkunft des Mannes umgab, dessen Dialekt indessen meinem scharfen Ohre gar bald die Überzeugung verschaffte, daß mein Mitpassagier ein Süddeutscher sei und wol aus der Wetterau stamme.

Es war Abend geworden als wir in Cassel anlangten. Die Gasthöfe waren, ich weiß nicht aus welchem Grunde, so überfüllt, daß uns nur drei Zimmer angewiesen werden konnten. Die beiden Brüder, Mann und Frau, als natürliche Alliirte nahmen je zwei eins in Beschlag, ich vereinigte mich mit dem räthselhaften Fremden das dritte zu beziehen. — Wir plauderten hier noch etwa eine halbe Stunde, endlich ersuchte mich mein Reisegefährte ihm etwas in das Stammbuch zu schreiben. Ich ergriff das Papier, und verglich, noch von Heidelberg her mit Abschiedsschmerz erfüllt, die Trennung mit einer Hinrichtung; — das Schicksal mit dem Henker. — Ich übergab das Geschriebene meinem Stubenkameraden der es ungelesen in seine Brieftasche steckte. In dem Augenblick klopfte es an die Thüre. Ein garstiger blatternarbiger Kerl trat in das Zimmer. Er begrüßte den Fremden fast wie ein Geselle seinen Meister, und fragte, ob dieser seiner Dienste bedürftig sei. »Ich werde mit Euch gehen,« versetzte der fremde Herr! »Harret meiner nur unten.« —

Ich merkte daß es ihn drängte, brach die Conversation ab und folgte dem Geklingel das jetzt zum Abendessen einlud. Er versprach, sobald als möglich, nachzukommen. »Wenn ich nicht irre,« setzte er hinzu, »daß er leider einen Collegen besuchen müsse.« — Mir war das wunderlich daß ein Oeconom in der Stadt einen Collegen aufsuchte. —