Verderblich ist des Tigers Zahn;

Jedoch das schrecklichste der Schrecken,

Das ist der böse Zimmermann!«

lächelte er zwar anfangs, verbot mir aber später bei Strafe der Relegation, meine Travestie zu verbreiten. Da sie indessen im Ganzen harmlos war, habe ich mich auch an dies Pascha-Verbot nicht gekehrt, zumal da einige der Lehrer mein Gedicht sich heimlich abschrieben, und mich, da sie selbst mala fide waren, nicht bona fide consiliiren konnten. In späteren Jahren hat Zimmermann oft herzlich über die Poesie seines Pensionärs und Secundaners gelacht.

Der Director der Schule war der bekannte Doctor der Theologie »Gurlitt«, welcher von Klosterbergen hierher berufen war, woselbst er eine früher in Hamburg nie gekannte Schuldisciplin eingeführt hatte. Die Schüler zitterten, wenn er in die Classe trat, wohin er freilich mit Ausnahme seiner Prima nur kam, um irgend ein Strafgericht zu halten.

Alle, die den seligen Doctor Gurlitt kannten, werden dahin übereinstimmen, daß dieser wirklich große Schulmann, dem die Primaner mit militärischer Subordination gehorchten, vor dessen Anblick die Secundaner in den combinirten Stunden fast vor Angst, um mich Heinisch auszudrücken, verquirlten, weil er das Princip der disciplina scholastica mit eiserner Ruthe handhabte, au fond ein höchst humaner und gutmüthiger Mensch war. Incuriosus in Bezug auf die Dinge des Lebens, verwechselte er Fouqué und Fouché, litt nicht, daß die gewandten Hamburger Kutscher ihn schnell fuhren, und obgleich diese Großstädter einen magnetischen Tact haben, die Deichsel des Wagens eine Terze vorher zu fühlen, und ihr auszuweichen; ehe sie den Rücken durchbohrt; rief er nicht selten, der Übersetzer der Pindarschen Gesänge, dem Wagenlenker zu: »Halt Barbar, Du fährst einen Menschen über!« Ein galanter Witz entwaffnete ihn auf eine komische Weise, und er pflegte dann, bestürzt, dieser Geisteskraft ganz ungewöhnliche Benennungen, wie Mathematik oder Poesie zu geben. Als er einmal bei Tische die Bemerkung ausgesprochen hatte, daß es doch nie zwei Tage hinter einander stürme, bemerkte seine Haushälterin witzelnd, daß es auch nie zwei Tage hinter einander regne. — »Wie das?« fragte Gurlitt erstaunt. »Es ist allemal eine Nacht dazwischen,« belehrte ihn die Dame. »Nun das zeigt von mathematischem Verstande!« entgegnete Gurlitt verwirrt.

Einstmal traf er einen holsteinischen Eleven des Johannei, der trotz seines Alters und seiner Größe sich nicht weiter im Examen, als bis zur classis latina et graeca secunda, und das Letztere nur deshalb hatte legitimiren können, weil er auf die mehrmalige Anfrage: »Was das verbum für eine Zeit sei?« mit großem Glücke aoristus primus geantwortet hatte, an einem Sonntage in Harvstehude. Der arme Secundaner hatte seine Schwächen gefühlt, sich nicht einmal Zeit genommen, im ersten Vierteljahre in die Comödie zu gehen, und belohnte heute am Ostertage zum ersten Male seinen Wagner’schen emsigem Fleiß durch einen Spaziergang. Nicht ohne Zagen folgte er dem Ruf des ihn erspähenden Directors, der ihn mit den Worten anredete: »Hören Sie, mein liebes Kind, als ich in Ihren Jahren war, war ich nicht so desparat zurück, wie Sie. Und doch feierte ich den Ostertag, anstatt vor die Thore Leipzig’s zu gehen, nur damit, daß ich aus der Clavis ciceronia, die ich mir vom Morgenbrod abgespart hatte, vertirte und revertirte.« Verdutzt sah ihn der Schüler an. Contestirte er litem, so war er verloren, und Gurlitt nannte ihn gewiß bis nach der Abschiedsrede, wo der Primaner den Beinamen »Hecht« verlor und von ihm liberal behandelt wurde, nur den »Harvstehudegänger.« Bei leichtem jugendlichen Blute sann er bald auf eine humoristische Antwort. — »Das mußten Sie auch thun, Herr Doctor,« versetzte er, »ich habe es aber nicht nöthig!« »Wie so?« versetzte Gulit, entrüstet durch die Replik. »Sie hatten nicht einen so guten Director, bei dem man in der Woche soviel lernte, um sich Sonntags durch einen Spaziergang erholen zu dürfen!« antwortete der Johanniter. »Gehen Sie nur!« antwortete Gurlitt, fast mädchenhaft verlegen, »Sie sind ein Poet.«

Einer seiner oft in der Schule wiederholten Professorenwitze war die Erklärung über den infinitivus historicus. Nachdem er gezeigt hatte, daß dieser gewissermaßen in der menschlichen Natur liege eigentlich der Invinitiv des Affects sei, wie »me hoc pati, me hoc ferre?« den die kindliche Sprache der Grammatik erfunden habe, pflegte er oft hinzu zu fügen: »Es gab viele Theologen, die sich bemühten, den infinitivus historicus durch das ausgelassene Wort »coepit« zu erklären. Dieser falschen Meinung war auch ein alter Scholarch der Schule zu Magdeburg oder Kloster-Bergen, der bei einem öffentlichen Examen den examinirenden, den Livius docirenden Collaborator daran erinnerte, daß er seine Schüler doch fragen solle, von welchem Worte der infinitivus historicus abhänge? Der prüfende Lehrer, der den Ungrund dieser Ansicht kannte, vermied die Frage, bis der Scholarch, am Ende ungeduldig, die Schüler mit den Worten belehrte: »Der infinitivus historicus hängt von coepit ab.« — Schweigend ließ der Lehrer die jungen Leute weiter expliciren, bis am Ende das ihn rächende Wort »coepisse« als infinitivus historicus kam. »Von welchem Worte hängt der infinitivus historicus ab?« fragte nun der gekränkte Collaborator. »Von dem Worte coepit,« rief die Jugend. »Recht,« entgegnete der Lehrer — coepit, coepisse

Gurlitt’s Lob war sehr spärlich. Zu einem der ersten jetzigen hamburger Prediger sagte er einmal, und das war das größte Lob, womit ich ihn Jemand habe beschenken hören: — »Wenn Sie so fortfahren, fleißig vertiren und revertiren, so ist Hoffnung vorhanden, daß Sie ein Fünkchen lernen.«

In politicis war er dänisch gesinnt, und strich jedesmal den jungen Hamburgern, die in ihrem vitae curriculo beim Eintritt in prima der Besetzung Hamburg’s in der Franzosenzeit nicht zum Lobe jenes Staats erwähnten, mit der Bemerkung: hoc falsum est, ut ex scriptis Hafneri (des dänischen Obristen) apparet. — Am empfindlichsten war Gurlitt gegen Wunden. Die Vorstellung davon und die Erwähnung derselben scheuchte er immer mit den Worten: »Schweigen Sie still, ich kriege Krämpfe.« Hierauf bauend, befreite ein Schüler einmal seinen Kameraden aus dem Karzer, indem er Gurlitt von dem kranken Arm des Arrestanten erzählte.