In religiöser Beziehung war Gurlit ein höchst eifriger Rationalist. Er war einer von den Wenigen, welche es verweigert hatten, die symbolischen Bücher zu beschwören, welches er oft in der Klasse mit den Worten erzählte: »Einige hamburger Rindfleischseelen wollten durchaus, daß ich die symbolischen Bücher beschwören sollte; ich habe es aber doch nicht gethan und der Senat hat mich doch nicht zwingen können, gegen meine Ueberzeugung zu handeln.«
Der zweite Lehrer am Johanneo war der Professor Hipp, der eigentliche Begründer einer kaufmännischen Schule, welche mit der lateinischen verbunden war. Er lehrte in Prima die Mathematik und las den Tacitus, von dem er eine Uebersetzung lieferte, die an Gedrängtheit und Schönheit des Ausdrucks dem Originale nicht nachstand. Es wäre wol der Mühe werth, Nachforschungen darüber anzustellen, ob sich nicht eine schriftliche Version des Tacitus in seinem Nachlasse befindet; Hipp’s Erben würden gewiß gute Geschäfte damit machen. Daß er eine Uebersetzung des Agricola und der Germania schriftlich besessen, weiß ich mit Bestimmtheit. Uebrigens war Hipp ein chamäleontischer Mensch, dessen Laune wie Aprilwetter wechselte, weshalb er auch nicht im Stande war, eine Autorität bei seinen Schülern gehörig zu conserviren. Stets in finanziellen Bedrängnissen war er von bodenloser Gutmüthigkeit, so daß er eines Morgens mit Pantoffeln in die Schule kommen mußte, weil er in der Frühe einem durchreisenden Handwerksburschen sein einziges Paar Schuhe, daß er angehabt, geschenkt hatte. Gegen Gurlitt spielte er sehr den Devoten. Er trat gewöhnlich um zehn Uhr Morgens, zu welcher Zeit seine mathematische Stunde anfing, in die erste Klasse, ließ es sich aber jedesmal gefallen, wenn der alte Schulmonarch ohne ihn zu fragen noch bis halb elf und noch länger fortdocirte, während welcher Zeit er sich zu einem der Schüler setzte, mit der Miene der größten Aufmerksamkeit in dessen Buch sah und oft den alten Gurlitt mit lauten Bewunderungen belobte, während er doch nicht selten, wenn dieser die Classe verlassen hatte, den Succensor des alten Herrn machte. Hipp war übrigens der fleißigste Mensch, den ich in meinem Leben gesehen habe. Kein Tag verfloß ihm ohne funfzehn Arbeitsstunden.
Ein Lehrer der zweiten und dritten Klasse war der jetzige Pastor Strauch in Hamburg, ein Mann von vieler Wissenschaft, ausgezeichnetem Fleiße und guter Lehrergabe. Indessen war sein Tadel oft zu ironisch, welcher mehreren seiner Schüler eine Abneigung wider ihn einflößte. Einer von diesen, der sich zu sehr und zu oft durch Strauch’s Tadel deprimirt fühlte, rächte sich eines Tages auf eine originelle Weise.
Strauch beging den Fehler, Dichter ziehen zu wollen, ohne zu bedenken, daß diese geboren werden müssen. So verlangte er einmal, jeder Schüler solle ihm eine Fabel liefern, was der hamburgischen, höchst unpoetischen Jugend recht schwer wurde, worauf der Antagonist eine Fabel einlieferte, von der mir etwa noch Folgendes erinnerlich ist.
Der Strauch und die Eiche.
In eines Strauches Schatten war gepflanzt
Der Eiche Sproß, im Schutze vor der Sonne;
Doch, neidisch auf der Eiche kräft’ge Höh’,
Bedeckte sie der Strauch mit seinen Blättern.
Allein die Eiche hob sich himmelwärts