„Ja Rassi, du hast gut sprechen! Wenn der Hunger nicht wäre! Da muß man essen, auch wenn die Speise weniger zusagt!“
„Aber warum bist du denn nicht fortgeflogen, als du größer warst? Deine Flügel sind doch stark geworden. Warum bist du nicht heimgeeilt zu deinen Eltern?“
„Daran hatte ich schon gedacht, kleiner Naseweis. Aber die Türe des Käfigs war immer sorgsam verschlossen, und das Gitter war fest. Manchmal habe ich versucht es zu öffnen, habe mich manchmal an den Eisenstäben müde geschnabelt, aber der Käfig war zu fest, zu fest; alle Mühe war umsonst. Wenn ich dann hinaufsah zum blauen Himmelszelt, an dem die Wolken, vom sanften Winde getragen, langsam und still dahinschwebten, wenn ich unter ihnen die andern Rabenbuben lustig dahinfliegen sah mit frohem Gesang, ja Kinder, dann wurde mir oft das Herz dick. Manchmal weinte ich still und dachte: „Ach, wenn doch die Menschen wüßten, welches Leid sie einem freien Vöglein antun, wenn sie es einsperren, sie könnten doch nicht so grausam sein und müßten es wieder in die Freiheit ziehen lassen.
Dann dachte ich auch an die armen Eltern und die Brüderlein droben, die ich schon so lange nicht mehr gesehen.“
Traurig klang wieder Hansens Stimme, denn jedesmal, wo er von seinen lieben Eltern redete, war sein Herz bewegt.
„Ach Väterchen Hans“, trösteten gleich einige der Büblein, „denk nicht mehr an jene traurigen Tage. Heute hast du ja die goldene Freiheit. Erzähle weiter.“
„Meine Gefangenschaft im Drahtkerker dauerte, wenn ich mich gut erinnere, ungefähr sieben Jahre.“
Ein wehmütiges „Ah“ entschlüpfte den Räblein.
„Einige Freudentage gab es allerdings in jedem Jahr. Im Frühling und Herbst war es, wenn der tiefe Mühlteich gereinigt wurde. Dann gab es Freude für die Menschen in der Mühle, aber auch für den armen Raspio in seinem eintönigen Gefängnis. Da gab es allemal Fische in Hülle und Fülle. Ha, wie ich da von der Küche her die Pfannen krachen hörte! Es war eine helle Freude. Die kleinen Fischlein, welche im Schlamme zurückgeblieben waren, wurden für mich gesammelt; manchmal fand sich auch ein Fröschlein dabei, und an diesen Leckerbissen konnte ich mich dann ergötzen nach Herzenslust.“
Leise hörte man wieder die Zünglein der aufmerksamen Zuhörer schnalzen, und der alte Hans selbst mußte schlucken, da er an diese Sonnentage seiner Jugend zurückdachte.