„Aber ach“, sprach er, „diese Tage kamen nur zweimal im Jahr, und sie waren so bald wieder vergessen. Dann zog wieder das ewige Einerlei in meinen Speisezettel: Dicke Milch und Kartoffeln und wieder dicke Milch und Kartoffeln. Und dann die Langeweile! Stetig an derselben Stelle sitzen, Tag um Tag und Woche um Woche. Etwas Zerstreuung brachten nur die Tage, an denen für die umliegenden Ortschaften gemahlen wurde. Alle die in der Mühle aus und ein gingen, mußten an meinem Käfig vorbei, und so hatte ich Gelegenheit, sie genau zu beobachten. Ich habe es auch redlich getan; habe mir alle genau angesehen und manchmal meine bare Freude an ihrer Torheit gehabt. Kinder! wenn Dummheit weh täte ...! Junge Burschen sah ich oftmals kommen, stolzen Schrittes mit ihrer Last, und sie prahlten gern mit ihrer Kraft. Jeder von ihnen wollte der Stärkste und Tüchtigste sein. Besondere Freude machte es mir, sie zu beobachten, wenn sie zu mehreren zusammen waren. Ei, wie sie da in die Hände spuckten und die Mehlsäcke auf die Schulter warfen! Stolz blickten sie noch einmal rasch um sich, ob man auch ihre Stärke bewundere, sagten einen kräftigen „Guten Abend“ und traten den Heimweg an. Aber wenn sie an meinem Käfig vorübergingen, hörte ich sie schon leise und verhalten keuchen, und ich mußte über die Prahlhanse lachen, wenn sie drüben, schon gleich beim Bergaufstieg, Rast machen mußten.

Aber was in der Mühle geschimpft wurde! Von den Namen, die mir gegeben wurden, will ich nicht einmal reden. Da gab es den ganzen Tag nichts anders als Hans hier und Hans da, gaak hier und gaak da. Freilich gefielen mir diese Schimpfnamen nicht, doch was sollte ich tun? Ich mußte mir dieselben ohne Klage gefallen lassen; ein Zornesausbruch meinerseits hätte den Burschen doch nur Freude bereitet und hätte sie noch schlimmer gegen mich gemacht. So blieb ich denn still auf meiner Stange sitzen, träumte vor mich hin und stellte mich schlafend. Dann zogen sie bald ab und ließen mich in Ruhe.“

„Ganz recht hast du getan, Väterchen,“ nickte Rassi, „so hätt’ ich es auch gemacht.“

„Übrigens“, fuhr Hans fort, „konnte ich mich trösten, denn es gab jemanden in der Mühle, der noch viel mehr gescholten wurde, wie der arme Raspio. Es war der Müller selbst. Kaum einer seiner Kunden verließ die Mühle, ohne sich bitter über ihn zu beklagen. Zwar verstand ich nicht alles, was sie brummten und schalten, aber es schien mir alles auf dasselbe hinauszuklingen: „Das sei nicht mehr gemoltert, das sei einfachhin gestohlen; bald könne man in einer Tasche forttragen, was man von diesem Wuchermüller noch mit nach Haus bekomme. Der klagte wieder, er habe zu wenig Kleie bekommen und jener, sein Mehl sei zu schwarz und entspreche nicht dem guten Getreide, welches er in die Mühle eingeliefert habe; kurz, der ewigen Klagen gab es gar kein Ende.“

Der kleine Rassi trippelte ungeduldig auf seinem Ästchen. Eines machte ihn besonders neugierig, wie Väterchen Hans die Freiheit wiedererlangt. Alles, was in der Erzählung nicht darauf hinwies, interessierte ihn weniger, und so drängte er denn schon wieder weiter: „Väterchen Hans, und dann? Kamst du denn noch nicht bald in die goldene Freiheit?“

„Ach, Rassi, noch lange, lange nicht. Da kamen noch mancherlei Tage dazwischen, gute, aber auch schlimme. Einer der allerschlimmsten meines Lebens aber war der, wo ich in die Schule ging.“

Wiederum erklang ein schallendes Rabengelächter über die Bäume.

„So, Väterchen, auch in der Schule bist du gewesen? Ei, das muß lustig sein! Erzähl’, erzähl’!“