„Doch auch mein Schweigen brachte den Knecht nicht wieder zur Ruhe. Grobe, sehr grobe Worte und Schimpfnamen wechselten schon mit seinem Tata; dann redete er von Halsumdrehen und Ersäufen im Mühlenteich. Wie gerne hätte ich wieder still in meinem Käfig gesessen! Als ich aber dieserhalb einen flehentlichen Blick auf den Burschen richtete, fühlte ich plötzlich einen derben Faustschlag auf meiner Stirne. Halb bewußtlos sank ich zusammen. Was weiter geschah, kann ich mich nicht recht entsinnen. Ich fühlte noch, wie eine feste Hand mir die Brust umkrampfte, hörte noch abgerissene Worte, wie Schloß Burscheid und verlaufen; verschwommen sah ich noch meinen Käfig wieder und fühlte dann, wie ich hart auf dem Boden desselben aufschlug. Erschöpft blieb ich auf demselben liegen.“

„Der grausame Narr“, knurrten die Räblein und knirschten zornig mit den Schnäbeln.

„Wie lange ich bewußtlos da lag, kann ich nicht sagen. Als ich zu mir kam, war es stockfinstere Nacht. Zitternd vor Kälte kauerte ich mich in die Ecke des Käfigs, wo ich bald wieder in tiefen Schlaf versank. Bei meinem Erwachen glitt schon vom Kippenhof her die Sonne über die vom blühenden Ginster vergoldeten Abhänge, und silbern glitzerten ihre Strahlen in den plätschernden Wellen der Sauer.

Vom Schlage am vorhergehenden Tage verspürte ich nur mehr sehr wenig; doch ich war ganz durstig geworden. Glücklicherweise war das Wasser meiner Schüssel nicht ganz ausgetrocknet, und so konnte ich mich am kühlen Trunk erquicken. Bald fühlte ich mich wieder ganz wohl. Essen wurde mir an jenem Tage keines gebracht bis am Nachmittag.

In derselben Einförmigkeit vergingen von da an wieder meine Tage.“

Abermals rückte der alte Hans an seiner Brille und stierte scharf auf dem Aste umher; denn schon war es etwas dunkel über dem Walde geworden. Vater Hans suchte nach seinen übriggelassenen Leckerbissen. Endlich hatte er noch einen dicken Engerling gefunden. Während er denselben langsam verzehrte, flatterten die Räblein einige Male leise mit den Flügeln und lächelten einander freudig zu, weil Väterchen Hans heute so lange erzählte. Dann setzten sie sich wieder still, denn schon war Hans zur Fortsetzung seiner Erzählung bereit.

„Eines Tages, als eben die Müllersleute in Festtagskleidern verreist waren, erschien am Nachmittag der Knecht wiederum an meinem Käfig. Angstvoll dachte ich wieder an die Schule. Aber davon ging diesmal keine Rede. Er hatte einen Korb mitgebracht, und ohne ein Wort zu sagen, nahm er mich aus dem Käfig hervor. Dann setzte er mich in den Korb hinein und verschloß sorgsam den Deckel desselben. Daran fühlte ich, wie er den Korb aufhob und mit mir davonging. „Was soll er vorhaben? Wohin wird er mich tragen?“ das waren die bangen Fragen, die mich beschäftigten.

Im Korbe war es ganz dunkel. Ich konnte nichts sehen. Ich hörte nur, daß der Knecht auf einem harten Wege Schritt für Schritt weiterging. Dann und wann pfiff er ein lustiges Liedlein, in das sich von fernher der muntere Gesang freiheitsfroher Vöglein mischte.“

„Wohin hat er dich denn getragen? Erzähle etwas rascher, Väterchen,“ drängte Rassi.

„Nach Verlauf von etwa einer Stunde wurde der Korb plötzlich niedergesetzt. Draußen hörte ich das Rauschen und Plätschern eines großen Wassers, wie mir schien. In raschen Schlägen hämmerte mein Herz. Sollte der Knecht mich weggetragen haben, um mich im Wasser zu ertränken, wie er damals unter der Linde gedroht hatte? „Dann Raspio“, sagte ich mir, „ist nun dein letztes Stündlein gekommen, ein Entweichen hier ist nicht möglich.“ – Doch dachte ich wieder, „das kann doch kaum seine Absicht sein; wollte er mich töten, so hätte er mich nicht so weit fortzutragen brauchen; da hätte es genügt, mich in den Mühlteich oder in den Fluß daneben zu werfen, und kein Hahn hätte mehr nach mir gekräht, wie die Menschen zu sagen pflegen.