Aus der Naturgeschichte ist euch gewiß bekannt, daß die Raben ein sehr hohes Alter erreichen; ja man sagt sogar, sie könnten es bis auf 200 Jahre bringen. –
So alt war freilich unser Hans noch nicht; aber über 100 und weit darüber gingen seine Jahre. Genau wie alt er sei, wußte er eigentlich selbst nicht; denn die alte Tanne, worin er jedesmal ein Zeichen eingehackt, wenn der garstige Winter von dannen zog und ein neuer Frühling in die Länder kam, war vor 50 Jahren umgehauen worden; und so war Hansens Tagebuch verloren gegangen. Gegen 140 mochten seine Sommer zählen, vielleicht einige mehr, vielleicht einige weniger; doch das verschlägt ja auch nichts; Hans war sehr alt, und das genügt.
Trotz seines hohen Alters war er aber noch sehr rüstig. Zwar ging er wie alte Leute etwas gebückt, aber seine Federn waren noch nicht weiß geworden; sie schillerten nur etwas ins Grünliche hinüber. Er hörte auch noch vorzüglich, und im Fliegen hätte er es mit einem Zwanzigjährigen aufnehmen können. Oft indes klagte Hans, daß in den letzten Jahren sein Augenlicht bedeutend abgenommen habe; er sah bei weitem nicht mehr so klar wie früher. Die Brille, die er im Garten des Lehrers gefunden, leistete ihm daher treffliche Dienste. Fast beständig trug er sie; selbst wenn er erzählte, setzte er sie bedächtig auf, und über die Gläser hinweg sah er scharf seine Zuhörer an.
Viel war der Hans in seinem langen Leben im Lande herumgekommen. Gute und böse Tage und Jahre hatte er gesehen. Für alles hatte er ein offenes Auge gehabt; Land und Leute hatte er fleißig beobachtet, und er hatte sich alles wohl gemerkt und eingeprägt. Sein Gedächtnis war noch frisch, seine Zunge gelenkig wie in ihren besten Jahren. Kein Wunder also, wenn Hans erzählen konnte, wie kaum ein zweiter. Weit und breit war er dafür bekannt, und die Rabenbüblein der ganzen Gegend kamen gerne zu ihm, um seinen Erzählungen zu lauschen.
Umsonst freilich erzählte der alte Hans nicht. Seine kleinen Zuhörer mußten ihm Geschenke bringen, Engerlinge, Regenwürmer und dergleichen Leckerbissen, und nach der Menge der Gaben richtete sich die Länge seiner Geschichten.
Väterchen Hans erzählte gerne. Seine helle Freude hatte er jedesmal, wenn ihm die Rabenbüblein mäuschenstill zuhorchten. Besonders gern erzählte er „gruselig“, so gruselig, daß manchmal die schwarzen Bürschlein regungslos da saßen, kein Auge von ihm abwandten und kaum noch zu atmen wagten.
Heute nun, an einem lauen Sommerabend, waren sie wieder zu ihm gekommen; jeder hatte das Beste mitgebracht, was er zu finden vermocht, und vieles hatten sie zusammengetragen, daß Väterchen Hans ihnen einmal lange, sehr lange erzählen möchte. So hatte er es neulich versprochen, und das wußten sie, wenn Väterchen Hans etwas versprach, konnte man sich darauf verlassen.
Auf einer hohen Eiche, droben bei Folkendingen, hatten sie Platz genommen; zu oberst Vater Hans, um ihn herum ein halb Dutzend schwarzhaariger Rabenbüblein, alle voller Spannung auf die versprochene lange Geschichte.
Lächelnd hatte Meister Hans die hergebrachten Leckerbissen verzehrt; einige Würmlein nur hatte er auf dem knorrigen Aste liegen gelassen, um sich daran zu ergötzen, wenn ihm etwa während der Erzählung die Zunge trocken werden sollte. Bedächtig rückte er die Brille zurecht und begann dann feierlich und voller Weihe:
„Lange ist es her, Kinder, damals, als noch allenthalben dichte Wälder das Luxemburger Land bedeckten, – gegen das Jahr 1780 – da stand meine Wiege droben im Ösling“.