Da lachten die kleinen Rabenbuben hell auf: „Ha, ha, ha, ha! Papa Hans! Deine Wiege! Eine Wiege hast du ja gar nicht gehabt! Ha, ha, ha!“

Vater Hans verzog mißmutig das Gesicht. Wie konnten die vorlauten Buben wagen, ihm, dem alten Manne in die Rede zu fallen? Einen Augenblick sah er sie vorwurfsvoll über die Brille an.

Doch bald lächelte er wieder und fuhr vergnügt fort: „Ja, es ist auch nur um so zu sagen, Kinder. Unser Nest glich doch einer Wiege, denn geschaukelt wurden wir darin mehr als manches Menschenkind in seinem Holzkasten. Auf einer alten Eiche über der Anhöhe bei Michelau stand unser Heim. Sorgsam hatten die Eltern es in die Baumkrone hineingesetzt. Und weich, ganz weich war es gepolstert. Tief unten hatten die Eltern es mit feiner Wolle ausgeschlagen, die sie an den Dornenhecken pflückten, wo die Schafherde vorbeigegangen, und darüber hatten sie schöne weiße Federchen und Daunen gelegt, die sie aus den Tannen bei Bürden holten, wo die Habichte hausten und die Hühnchen und Tauben verzehrten.

Wie mir der Verstand aufging, saß ich droben auf dem hundertjährigen Baume und sah mir die Gegend ringsum mit neugierigen Augen an. Unserm Hause grade gegenüber, auf der jenseitigen Anhöhe, stand das Schloß von Burscheid, voller Schönheit und Pracht! Heute, – ach wie sich die Zeiten ändern! – heute ist es nur mehr eine traurige Ruine, die nicht einmal mehr ein schwaches Bild seiner früheren Herrlichkeit geben kann. Und drunten im Tale floß die Sauer, ein breiter Silberstreifen im saftigen Wiesengrün. In weitem schlankem Bogen zog sich das klare Wasser zwischen den hohen Bergen hindurch, von der Burscheidtermühle an, wo es aus den Bergen zu kommen schien, bis unterhalb Michelau, wo es hinter einem vorspringenden Bergrücken abermal zwischen den Felsen verschwand. Und aus den Tümpeln an ihren Ufern brachten die Eltern Leckerbissen – ah! Fischlein, Fischlein, ah!“ Dabei glitt die spitze Zunge Hansens langsam am Schnabel vorbei, und die kleinen Rabenbuben taten desgleichen. Mit glänzenden Augen sahen sie Vater Hans an; das Wasser lief ihnen im Munde zusammen, und einer nach dem andern schluckte verstohlen, daß man es leise in der Runde gurksen hörte.

„Und du hast keine Angst gehabt, Väterchen Hans,“ unterbrach der kleine Rassi, ein vorwitziges gewecktes Kerlchen, „du könntest vom Baume herunterfallen, als dir die Flügel noch nicht ausgewachsen waren?“

„A... Angst!“ wiederholte Vater Hans und verächtlich schaute er Rassi an. „Bah, Angst! Angst hab ich in meinem ganzen Leben noch keine gekannt. Und wenn der Wind recht heftig durch die Bäume fuhr und an unserm Hause rüttelte, wenn gar von Kehmen herunter ein Gewitter rabenschwarz ins Tal stieg und den Baum schüttelte, daß wir beinahe aus dem Neste geschleudert wurden, dann hatte ich erst rechte Freude.“

Die Rabenbüblein wanderten sich und staunten über solchen Mut.

„Ja, damals, Väterchen Hans“, fuhr der kleine Rapsi, ein Bürschlein, das erst vor drei Tagen flügge geworden war, dazwischen, „damals gab es wohl auch noch keine so bösen Menschenbuben wie jetzt. Wenn du heute im Neste sitzen würdest, dann würde dir schon die Angst kommen, ganz gewiß!“

„Paperlapap,“ grinste Hans. „Buben sind Buben. Auch früher gab es freche Buben, grade so gut wie heute.“

Langsam rückte er mit einer Kralle die Brille zurecht, suchte den dicksten der noch übriggebliebenen Würmer und verzehrte ihn mit sichtlichem Wohlbehagen. Dann setzte er seine Erzählung fort: