„Böse Buben, ja, ja! Als ich noch im Neste saß, da kamen einmal ihrer drei, böse, freche Kerle, – ich sehe sie noch. – Oben über die Felder schlichen sie herunter und gingen am Saume der Hecken entlang. Plötzlich blieben sie stehen. Sie hatten unser Nest entdeckt. Einen Augenblick beratschlagten sie miteinander. Zwar verstanden wir nicht was sie sagten, aber an den verstohlenen, unheimlichen Blicken, die sie nach dem Neste richteten, erkannten wir wohl, daß sie nichts Gutes im Schilde führten. Bald standen sie unter dem Baume. Schon schickten sie sich an, denselben zu ersteigen. Einer umklammerte den knorrigen Stamm, die beiden andern stützten ihn und halfen ihm nach. So kroch er herauf, immer höher und höher. Da habe ich doch ein wenig gefürchtet. Schon saß er in den Ästen. Deutlich hörte ich, wie er mit seinen Gesellen, die unten standen, redete. Schwarze Pläne waren es, die sie ausspannen. „Sind Eier drin“, sprach der Bösewicht, „so werden sie geschlürft, sind Junge drin, dann gehen sie mit in den Käfig. Jeder von uns erhält einen, und die überzählig sind, werden totgeschlagen.“

„Ha, der Mörder,“ knirschten erbost die Räblein!

„Wir waren zu vier Brüderlein“, erzählte Hans wehmütig weiter, „und haben gezittert, als wir die freche Rede hörten.“

„Waren denn der Vater und die Mutter nicht da“, unterbrach hastig der kleine Rassi, „daß sie den frechen Buben fortgetrieben hätten?“

„Ihr könnt euch denken, wie wir geschrieen haben“, entgegnete Hans, „so laut, so laut. Aber die Eltern waren fort, weit fort, um Essen zu holen. Hoch über den Berg, bis zum Kippenhof, waren sie geflogen. Dort hatten sie tagsvorher ein Häslein für uns erbeutet, und das wollten sie uns stückweise zum Neste bringen.

Schon war der böse Bube so nahe gekommen, daß er uns gleich erreichen mußte. Angstvoll drückten wir uns in die entgegengesetzte Ecke des Nestes und schrieen so laut wir nur konnten. Plötzlich, – ach ich zittere so oft ich daran denke! – plötzlich neigte sich das Nest etwas zur Seite und unser armes Brüderlein Jackli stürzte kopfüber in die schaurige Tiefe.“

„Und die andern?“ zitterte Rassi.

„Es ging noch gut,“ atmete Hans auf, gleichsam als erlebe er diese qualvolle Angst ein zweites Mal, „der Kleine hatte sich kein Leid getan; in seiner Todesangst hatte er kräftig mit seinen Flügelein geflattert und unter dem Baum war dichtes, weiches Moos; für uns aber sorgte der Vater. Just wie der böse Bube die Hand nach uns ausstreckte, erschien er, gerade noch zur rechten Zeit. Gleich hatte er die Absicht des bösen Buben erkannt.“

Einen Augenblick hielt der alte Hans inne.

„Und dann, und dann ...?“ drängten neugierig und zitternd einige Stimmen. „Und dann“, fuhr Vater Hans bedächtig fort, „dann hättet ihr einmal meinen guten Vater sehen sollen! So zornig hatte ich ihn noch nie gesehen. Geradeswegs stürzte er auf den Buben los. Mit einem heisern Schrei saß er ihm im Nacken; wütend fuhr sein kräftiger Schnabel auf den Bösewicht nieder. Ha! da hättet ihr einmal Schmerzensschreie hören können! Heulend zog der Bube den Kopf zwischen die Schultern und rutschte am Baume hinab, so schnell er nur konnte. Aber der Vater ließ nicht locker. Immer wieder hieb er auf ihn ein. Hu! wie des Buben Federn flogen! Ganze Büschel Haare zauste der Vater ihm aus; allenthalben lagen sie später um den Stamm der Eiche herum. Hätte man sie sammeln wollen, ein ganzes Nest hätte man damit auf’s feinste polstern können. Kaum war der Bube unten am Boden angelangt, so eilte er den Berg hinunter, so rasch er nur konnte; seine Mütze, die ihm entfallen war, ließ er unter dem Baume liegen und drei Tage später war er noch nicht wiedergekommen, sie zu holen. Seine Begleiter hatten schon das Weite gesucht, sonst hätte der Vater auch ihnen die verdiente Strafe gegeben.“