X.

Anderntags, frühmorgens, als die Hähne von Michelau einer um den andern den neuen Tag ankündigten, machte ich mich auf den Weg. Über Flehbour und Lipperscheidterdellt hinweg flog ich an Hoscheid, Dickt und Hosingen vorbei, immer dem Höhenzug folgend, nach Marnach. Dann und wann setzte ich mich zu kurzer Rast nieder und gelangte gegen Mittag nach Urspelt. Dichte Lohhecken bedeckten die Abhänge; auch hohe, schöne Tannen fanden sich dort, und ich faßte den Entschluß: „Hier will ich bleiben“.

Doch auch dort fand ich keine Freunde. Die Raben dieser Gegend sahen in mir nur einen Fremden; die Verleumdung derjenigen, die mich schon aus der Nähe des Schlosses vertrieben, folgte mir auch dorthin. Alle schlossen mich aus ihrer Gesellschaft aus und keiner wollte mit mir reden. So beschloß ich denn, fern von ihnen ein einsames Leben zu führen. „Dann bekomme ich auch mit Niemanden Streit“, dachte ich und gab mich zufrieden. Im Walde bei Urspelt fand ich Unterkunft. Nahrung gab es dort genug, und die dichten Tannen boten ein schützendes Dach gegen Sonnenschein und Regen.

Eines Tages wollte ich mir die Umgebung näher ansehen und flog deshalb über den Wald hinweg gegen Reuler. Auf einem der letzten Bäume setzte ich mich nieder und betrachtete die Felder und Äcker, die sich längs des Waldes hinzogen. Armes, wenig fruchtbares Land war es, meist bestanden von Heidekraut und mannshohem Ginster. Am Waldessaum graste eine Schafherde. Dann und wann hörte ich alte Schafstimmen einige Male blöcken, und kleine weiße Lämmer eilten durch den Ginster, schlugen rasch mit ihren Schwänzlein und eilten der Stimme nach. Am Ende des Feldes wachte ein großer Hund, daß keines der Schafe darüber hinausgehe und sich im Walde verliere.

Doch, wo sollte denn der Hirt weilen? Allein waren doch die Schäflein gewiß nicht hiehergekommen, und trotzdem konnte ich ihn nirgends entdecken. Suchend flog ich einige Bäume weiter, und schließlich erspähte ich den Schäfer mitten im Felde. Er saß auf einer Bürde Ginster, über die er seinen Mantel ausgebreitet hatte. Fleißig flochten seine Hände weißgeschlissene Weiden zu kunstfertigen Körbchen, deren schon einige nebenan im Grase lagen. Dicht neben ihm hockte auf einem Steine ein alter Rabe. Unverwandt blickte er den Schäfer an und lauschte seinen Gesprächen.

„Dieser Hirt scheint ein guter Mann zu sein“, dachte ich, „da der Rabe so furchtlos bei ihm sitzt.“ Doch eines war mir ein Rätsel: Wie kamen die beiden zusammen? „Soll der Rabe“, fragte ich mich, „alle Tage mit dem Schäfer vom Dorfe herauskommen, oder wohnt er hier im Walde und fliegt nur zu ihm hin, bis jener die Herde heimtreibt?“ Schon faßte ich Mut; schon hoffte ich, vielleicht auch an diesem Mann einen Freund finden zu können, wie einst an Rudi auf dem Schlosse. Sein Gesellschafter, der Rabe, würde gewiß meine Lage verstehen und nicht so grob gegen mich sein, wie die andern Kameraden bisher gegen mich gewesen. – Doch wie sollte ich es anstellen, ein Gespräch mit ihnen anzuknüpfen?

So flog ich denn näher und setzte mich auf den ihnen zunächststehenden Baum. Dann rief ich einige Male laut zu ihnen hinunter, aber weder der Schäfer noch der Rabe sahen auf; sie schienen meine Gegenwart gar nicht zu beachten. So nahm ich mir ein Herz und flog ins Ginsterfeld hinunter, wo ich in einiger Entfernung von ihnen mich niedersetzte. Auch jetzt noch kümmerten sie sich nicht um mich. Da schritt ich mutig gerade auf sie zu, blickte bald auf den Schäfer, bald auf den Raben, bis sie endlich beide aufschauten und mich erstaunt ansahen.