„Geduld, Geduld, Rassi, eins nach dem andern. Als ich das immer leiser werdende Geräusch des davonrollenden Wagens nicht mehr hörte, hüpfte ich rasch aus dem Käfig hervor. Das letzte Stück Kuchen, das Rudi mir zurückgelassen, verzehrte ich vor dem Käfig und, indem ich dann vor demselben hin und her spazierte, überlegte ich, was ich nun beginnen sollte. Sollte ich wieder in den Käfig schlüpfen, dort bleiben und mich auf die Güte des Burgwartes verlassen? Sollte ich auf der Burg bleiben, bis Rudi zurückkäme? Ja, aber wenn er vielleicht gar nicht mehr heimkehren sollte, wie er es angedeutet; wenn vielleicht die Franzosen ins Luxemburgische kommen sollten, wenn sie das „Wälderdepartement“, wie sie es nannten, durchziehen, vielleicht wieder die Burg belagern und einnehmen sollten, wie sie es vor 100 Jahren getan, wie einst Rudi mir erzählt hatte! – Oder sollte ich die mir dargebotene Gelegenheit benutzen und der goldenen Freiheit folgen, die mir winkte? Dieses letzte schien mir das Beste. Später könnte ich ja doch immerhin zurückkehren, wenn ich wollte.“

Schon wieder fuhr Rassi dazwischen: „Ja, Väterchen Hans, so mußt du es machen. Flieg schnell fort, lang genug warst du eingesperrt, nichts geht über die schöne Freiheit.“

Väterchen Hans lachte: „Ja Rassi, das war auch meine Ansicht. Meine Flügel waren wieder etwas gewachsen, so daß ich hoffen durfte, fliegen zu können, wenn vielleicht auch noch nicht ganz weit. So lief ich denn schnell bis in die Mitte des Hofes zurück, nahm einen großen Anlauf, schlug kräftig mit den Flügeln und gelangte glücklich auf die hohe Ringmauer. Dort blieb ich einen Augenblick sitzen und schaute nach allen Seiten, ob ich den davonfahrenden Wagen nicht mehr entdecken könnte. Es war unmöglich, denn die Wege führten alle durch den Wald.

Mein erster Gedanke war nun, hinüberzufliegen nach der alten Eiche, wo einst unser Nest gestanden hatte. Beherzt schwang ich mich von der Mauer hinab und schwebte im Gleitflug langsam zur Sauer. Welche Freude mich zum erstenmal im Luftmeere schaukeln zu können! Bergab flog ich ganz vorzüglich, beinahe ohne Anstrengung. Schon schwebte ich über dem Wasser. Freilich ein wenig Angstbeklommen fühlte ich doch, als ich über den Fluß flog, und mir mein Bild zitternd aus dem tiefen Wasser wiederstrahlte. Am andern Ufer setzte ich mich zu kurzer Rast auf die Wiese nieder. Ein Schnecklein kroch eben im Grase. „Da ist mein Tisch ja schon gedeckt“, dachte ich, und schon war der Leckerbissen in meinem Munde verschwunden.

Doch nun hieß es weiterfliegen. Einige Sekunden sah ich nach oben. Auf direktem Wege diese steile Höhe zu erklimmen schien mir unmöglich, dazu waren meine Flügel zu klein und zu schwach. So entschloß ich mich denn, auf Umwegen mein Ziel zu erreichen. „Wer langsam geht, kommt auch ans Ziel,“ hatte der Burgwart immer gesagt. So flog ich denn flußaufwärts und stieg unterwegs immer höher bis in die Mitte des Berges oberhalb der heutigen Burscheidter Mühle. Auf einer schlanken Pappel dicht am Bergeseinschnitt, wo bei Regenwetter der Helkeschbach niederstürzt, mußte ich ein Weilchen rasten, denn schon fühlte ich mich sehr ermüdet. Sonst wäre ich gewiß bald in die Hecken gestürzt, und wie hätte ich mich daraus wieder erheben können? Ein leichter Wind beugte die Pappelspitze langsam hin und her und schaukelte mich mit derselben. Da der Wind von Nordwesten kam, war er für meinen Weiterflug sehr günstig.

Nachdem ich ungefähr ein Viertelstündchen geruht und die Lungen mit neuem Luftvorrat gefüllt, schwang ich mich abermals über die Bäume und flog dem Flusse entlang, langsam aber stetig höher steigend. Schon sah ich die Felder, die einst unser Nest überragt hatten, und von denen aus die Buben mein Brüderlein totgeworfen. Nach einigem Suchen fand ich auch unsere Eiche wieder; das Nest war verschwunden. Nur einige Reiser hingen daselbst wirr durcheinander; alles war verlassen und verfallen.

Während des ganzen Nachmittags blieb ich wehmütig an der alten Heimstätte zurück, flog bald hin und her und rief nach allen Seiten, ob ich vielleicht die Eltern finden könnte oder einen meiner lieben Brüderlein. Allein alles war umsonst. Auf meinen Ruf hin kamen zwar einige Raben heran, aber ich kannte sie nicht. Spöttisch betrachteten sie meine abgeschnittenen Federn und machten hämische Bemerkungen, die mich im Herzen schmerzten. „Er ist von bessern Leuten! Ha ... a a ah!“, lachten sie, „und er kleidet sich nach der neuesten Mode.“ Ich wollte ihnen Erklärungen geben, aber sie ließen mich nicht reden. „Sei nur still, du einfältiger Protz“, sagten sie, „wir kennen dich schon. Ein feiner Herr hast du sein wollen und deshalb bist du zur Burg geflogen, hast Burgkuchen gefressen und gegen uns gesprochen beim Jagdfalken, daß er von Tag zu Tag gegen uns wütender wurde und noch in der letzten Woche zwei von unsern Brüdern erschlagen hat.“

Abermals wollte ich beteuern, daß sie sich in all diesen Anschuldigungen irrten, doch vergebens. Sie ließen mich gar nicht zu Worte kommen. „Einen Tag“, sagten sie, „habe ich noch Zeit, mich wieder aus dem Staube zu machen. Sollte ich anderntags noch das Unglück haben, mich in der Gegend zu zeigen, so würden sie die ganze Sippe zusammenrufen und mir die Augen aushacken; dann könnte ich blind zur Burg zurückflattern und weiter Gnadenbrot fressen wie bisher. Übrigens wäre es wohl möglich, daß ich nur herübergekommen sei, um zu spionieren, wo der Falke uns wieder am besten überfallen könnte. Ich sei gewarnt und solle mich darnach richten!“

„Das war aber gar nicht schön von ihnen,“ sagte Rassi zornig. „Väterchen Hans, du hattest ihnen ja noch nichts zuleide getan.“

„Was sollte ich aber tun, Rassi?“ fuhr Hans fort. „So entschloß ich mich denn weiter zu ziehen und in einer andern Gegend meinen Wohnsitz aufzuschlagen. Da ich übrigens meine Eltern nicht wiedergefunden hatte, fiel mir der Abschied nicht schwer.