Als die ersten Frühlingsblümchen kamen, die Maßliebchen und die Schlüsselblumen, da eilte er hinaus und keiner Müdigkeit achtend, brachte er seine Sträußlein, stellte sie hin auf das Grab, und die Tränlein rannen still über seine Wangen und tropften leise neben die Blümlein auf Mütterleins Grab.

Als aber drunten an der Sauer die blauen Vergißmeinnichte zu blühen und zu sprießen begannen, da eilte er hinab und trug sie freudig herauf zum Grabe; am Rande desselben pflanzte er sie mit liebenden Händen und täglich näßte er sie, daß sie weitersprossen und Mütterleins Grab zieren sollten.

Wieder flackerten im September die „Sangen“. Wieder färbte sich das Laub, und aus der sterbenden Natur flogen wehmütige Gefühle in die Herzen der Menschen. Wiederum kamen auch in letzter Zeit müde Wanderer, Flüchtlinge aus Frankreich, denen die Heimat zur Fremde geworden, und die nun weiterzogen zu andersredenden Menschen, bis bessere Zeiten sie heimgeleiten würden an den väterlichen Herd. Was sie erzählten, klang so traurig und bitter; von Gesetzen sprachen sie, streng und grausam gegen Adel und Priester, von Verbannung, Kerker und Tod. „Auch bis in die Gaue des Luxemburger Landes werde der Sturm kommen“, sagten sie, „zweifellos“. Rudi’s Vater solle klug sein und sich beizeiten vorsehen; auch seines Bleibens könne nicht lange mehr in Burscheid sein, am allerbesten täte er gewiß, gleich mit ihnen weiterzuziehen an den Rhein.

Lange wollte Rudi’s Vater davon nichts hören. Haus und Heimat, Bekannte und Diener, die ihm treu ergeben waren, verlassen, um in der Fremde das harte Brot der Verbannung zu essen, dazu konnte er sich nicht leicht entschließen, und jedenfalls wollte er es verschieben, so lange er nur immer könne. Als aber von Tag zu Tag die Unglücksboten sich mehrten, als die durchreisenden Auswanderer immer zahlreicher wurden und ihn ängstigten, da gab er endlich schweren Herzens nach und teilte Rudi mit, sie könnten nicht länger mehr auf dem Schlosse bleiben. In bessern, ruhigern Zeiten, so Gott wolle, würden sie nach der liebgewonnenen Heimat zurückkehren ...

Als die Allerheiligenwoche zu Ende ging, bespannten die Knechte eines Tages schon beim Morgengrauen zwei schwere Wagen. Das Wertvollste des ganzen Schlosses trugen sie zusammen und packten es sorgsam ein. Bei Sonnenaufgang hatten sie bereits die Burg verlassen.

Kurz darauf kam Rudi an der Hand des Vaters über den Hof. Mit trauerndem Antlitz traten Vater und Kind an die Ringmauer zum Grabe der geliebten Mutter. Kein Wörtlein konnte ich hören. Nachdem sie lange schweigend da gestanden, gab der Vater dem Kleinen einen Wink, es sei Zeit zum Aufbrechen. Am Schloßtor stand schon der herrschaftliche Wagen in Bereitschaft. Schluchzend sah ich Rudi niederknien und einen letzten Kuß auf die Steinplatte drücken, worauf der Name seiner verstorbenen Mutter eingegraben war. Schnell pflückte er die letzten Sträußchen Vergißmeinnicht, die noch am Grabesrande blühten, ab und legte sie behutsam in ein mitgebrachtes Buch. Mit verweinten Augen sah ich Vater und Sohn an meinem Käfig vorbei schweigend dem Tore zuschreiten.“

„Und sind sie da schon gleich für immer abgereist, Väterchen Hans?“ fragte Rassi mitleidsvoll.

„Das war auch meine Furcht, Rassi. Ängstlich sah ich deshalb zur Pforte. Doch ich dachte mir: Es kann doch nicht sein! Ohne Abschied von mir zu nehmen, wäre Rudi gewiß nicht weggegangen. Es konnte also nur zu einem kurzen Besuch sein, daß sie fortgingen; über einige Tage würden sie gewiß wiederkehren. Während ich mich mit diesen Gedanken beschäftigte, sah ich plötzlich Rudi wieder vom Wagen, den er schon erstiegen hatte, herunterspringen. Eilig kam er zu meinem Käfig. „Räbi“, sagte er traurig, als er mich herausholte, „jetzt geht Rudi fort und vielleicht wird er lange, lange nicht mehr wiederkommen. Weit, weit fort muß ich gehen und wie Vater sagt, können wir Räbi bis dahin nicht mitholen. Später werden wir vielleicht wiederkehren und Räbi dann mitnehmen. Dem Burgwart habe ich gesagt, daß er gut auf Räbi achtgebe und dir viel gutes Essen bringe. Wenn du aber fortfliegen willst, so magst du auch dieses tun. Deinen Käfig will ich dir offen lassen, du kannst dann fortfliegen in die Wälder und später wiederkommen, wenn Rudi einmal wieder auf der Burg wohnt.“ Darauf zog er noch ein großes Stück Kuchen aus der Tasche und legte es in meinen Käfig hinein. „Lebewohl Räblein“, sprach er mit zitternder Stimme und ging dann fort, ohne ein weiteres Wörtlein zu reden. Am Burgtor sah ich ihn zum letzten Mal, als der Wagen um die Ecke bog; sein Gesichtchen hatte er in die Hände gestützt; er weinte bitterlich. Seither habe ich das liebe Kind nie mehr wiedergesehen.

Traurig saß ich nun im Käfig und dachte zurück an die schönen Tage, die ich mit dem Kleinen verbracht und die niemals mehr wiederkommen sollten.“

„Väterchen Hans, Rudi hatte ja die Türe des Käfigs offen gelassen, daß du fortfliegen könntest,“ hastete Rassi erregt. „Hast du das denn nicht gleich getan? Dann warst du aber dumm, Väterchen Hans!“