„Doch nicht lange mehr hingen die beiden einsam an ihrem Galgen. Schon waren einige der Raben an die Balken herangeflogen, und mit heisern Stimmen hatten sie sich auf die Hingerichteten gestürzt. Nach wenigen Minuten waren ihre Gesichter zerfleischt und bis zur Unkenntlichkeit entstellt.
Da konnte auch ich nicht länger hinsehen; meine Eltern hier zu sehen, hoffte ich nicht mehr; zu solch schrecklichem Tun hätten sie nie geholfen, dafür kannte ich sie zu gut.“
Erschüttert saßen die Rabenbüblein in der Runde. Auch der sonst so vorlaute Rassi hatte still gehorcht und zitterte leise. „Väterchen Hans“, sprach er bittend, „nachher wenn du aufhörst zu erzählen, gehst du mit mir nach Hause, gelt? Ich habe so weit, und heute Abend fürchte ich mich allein zu gehen.“
Hans lächelte, daß es ihm gelungen war, sogar Rassi in Angst zu versetzen, beruhigte den Kleinen, den er doch gerne hatte und versprach wenigstens ein Stück Weges mit ihm zu fliegen. Wohlgemut setzte er dann seine Erzählung fort.
IX.
„Ein kalter Winter zog 1794 über die Länder. Beinahe drei Monate lang lag überall tiefer Schnee. Selten nur wurde ich aus meinem nach allen Seiten mit Strohmatten wohl verdeckten Käfig herausgenommen. Seit dem Tode der Mutter kam Rudi nur mehr selten zu mir, meistens blieb er im Innern des Hauses. Tiefer Schnee verdeckte auch die Blümlein, welche er so sorgsam auf das Grab seiner Mutter gepflanzt hatte; ja das Grab selbst war unter der Schneehülle verschwunden. Bisweilen sah ich das liebe Kind traurig am Grabe stehen und bitterlich weinen. Einige Male kam er und nahm mich für ein Stündlein mit ins warme Wohnzimmer. „Siehst du Räbi“, sprach er dann, „dort an der Mauer schläft lieb Mütterlein den langen Schlaf. So nahe ist sie noch, aber sie redet nicht mehr mit mir, wenn ich an ihrem Grabe weine. Zwar weine ich immer nur leise, damit der gute Vater nicht noch trauriger wird, aber Mütterlein könnte mich wohl hören in der kalten Erde, aber noch nie, nie hat sie ein Wörtlein geredet. Sieh, Räbi, wir sind froh in der warmen Stube, aber lieb Mütterlein muß draußen sein im kalten, schneebedeckten Grabe. Die Blümlein, die ich ihr gepflanzt, sind im Herbste welk geworden und nun ganz erfroren. Aber wenn wieder der Frühling kommt, dann soll Mütterchen nicht mehr zu klagen brauchen; da werde ich andere Blümlein holen aus den Hecken und Feldern, die schönsten, welche ich nur finden kann, und lieb Mütterlein wird ein Gärtlein haben über ihrem Grabe, schöner noch als im vergangenen Jahre.“
Und Rudi hat dem toten Mütterchen im kühlen Grabe Wort gehalten.