„Was muß das alles erst morgen werden“, dachte ich, „wenn heute schon alles so schön ist.“ Da ich aber den ganzen Tag mich müde geschaut, verschlief ich die ersten Morgenstunden des kommenden Festtages. Gegen 9 Uhr war es schon, als ich auf dem Glacisfelde, wo ich abends geblieben war, erwachte. Gleich machte ich mich davon. Schnell flog ich über die Oberstadt. In einem Meer von Tannengrün und Fahnen verschwanden die geschmückten Straßen. Doch ich hatte keine Zeit mehr zu verlieren. Auf dem Weg zum Fetschenhof staute sich schon eine dichte Menge Volkes. Der Festzug, der dem Kaiser auf der Trierer Straße entgegen ziehen sollte, hatte sich schon geordnet und in Bewegung gesetzt. Mit den Abzeichen seiner Würde schritt an seiner Spitze der Bürgermeister der Stadt; ihm schlossen sich an die übrigen Würdenträger, die Ehrenkompagnien und ein glänzend ausgestattetes Musikkorps. Von Trier aus sollte der gefeiertste Mann Europas über Wasserbillig nach unserer Hauptstadt kommen.
Neugierig blickten die an der breiten Landstraße dichtgedrängten Scharen die Straße entlang. Aber noch war nichts zu sehen. Nur vereinzelte Neugierige schritten drunten, um ihm weiter entgegen zu gehen und die ersten zu sein, ihn zu sehen. Eilig flog ich ihnen nach. „Ich bin schneller als ihr“, dachte ich, „da werde ich auch der allererste sein, sollte ich bis Roodt fliegen müssen. Frisch holte ich aus. Der sanfte Westwind beschleunigte meine Flügel, und so war ich in kurzer Zeit am Eingang von Roodt angelangt. Auf einem hohen Baum dicht an der Straße setzte ich mich nieder; dort wollte ich etwas ruhen und die Ankunft des Mächtigen erwarten.
Doch ich brauchte nicht lange zu warten. Schon nach wenigen Minuten sah ich den kaiserlichen Zug in das Dorf einbiegen. Stolze Reiter trabten voraus in goldglänzenden Uniformen. Reitereskadronen bildeten auch den Abschluß. In der Mitte aber rollte, von vier Pferden gezogen, ein goldschimmernder Prunkwagen. In strammer, würdevoller Haltung standen auf dem Hinterteil des Wagens hochgalante Diener. In die Kutsche hinein konnte ich nicht sehen, aber es war für mich kein Zweifel, daß der große Kaiser wirklich in ihr sei. So flog ich denn eilig zurück, um mir das Schauspiel beim Empfang am Fetschenhof nicht entgehen zu lassen. Dafür hatte ich ja hauptsächlich die weite Reise aus dem Ösling her unternommen. Ungefähr eine Viertelstunde langte ich vor dem kaiserlichen Wagen an. Dort, wo die Ehrenkompagnien mit den Würdenträgern Aufstellung genommen, machte ich Halt. Weit und breit, bis in die Felder hinein, stauten sich die Zuschauer.
Ein unbeschreiblicher Jubel brach los, als die Menge des kaiserlichen Wagens ansichtig wurde. «Vive l’empereur! Vive Napoléon!» klang es immer wieder, und die Wälder der Umgegend gaben als Echo leise wieder: «Empereur! Napoléon!».
Als die Karosse hielt, gab der Bürgermeister von Luxemburg der vieltausendköpfigen Menge ein Zeichen mit der Hand. Alles stand entblößten Hauptes in tiefstem, ehrfurchtsvollem Schweigen.
Nun trat der Bürgermeister an die kaiserliche Kutsche heran, bewillkommnete den hohen Gast, und ich merkte, wie er eine längere Rede an ihn hielt. Von den Festungswällen herüber dröhnte Ehrensalve auf Ehrensalve.
Nach der Rede überreichten Bürgermeister und Kommandant auf einem silbernen Teller den goldenen Schlüssel der Feste Luxemburg. Erstaunt blickte der Kaiser das kostbare Geschenk an.
„Habt ihr diesen Goldschlüssel eigens für diesen Tag herstellen lassen?“ fragte er.
„Nein, Sire“, lautete die Antwort, „es ist der Schlüssel, den einst unsere Väter der Muttergottes geschenkt, zum Zeichen, daß sie ihr die Stadt anvertrauten; bisher hat sie als Königin ihn am Arme getragen.“
Als er das hörte, nahm Napoleon den Schlüssel nicht an. „Nehmt ihn zurück“, sprach er „er befindet sich in guten Händen.“