XIV.
„Gestatte, daß ich dich nochmals unterbreche, Väterchen Hans,“ bat Rassi nochmals, „eben hast du vom großen Napoleon geredet, ist er nicht selbst auch einmal in Luxemburg gewesen? Ich glaube das von meinem Großvater gehört zu haben.“
„Du scheinst ein gutes Gedächtnis zu haben, Kleiner. So ist es in der Tat. Doch Kinder, da war der alte Hans dabei, als der Kaiser kam; den Tag werde ich in meinem Leben nie vergessen.
1804 war es. Schon zogen sich herbstliche Nebel langsam durch die Täler. Kälter wurden schon die stetig länger werdenden Nächte; denn wir waren im Oktober. Schon ein volles Jahr im voraus hatte man mit den Vorbereitungen zum feierlichen Empfang begonnen. Gegen Ende September erfuhr ich zufällig, daß der Einzug am 9. des folgenden Monats stattfinden sollte. „Da muß ich dabei sein,“ sagte ich mir, „koste es, was es wolle. Und sollte ich drei Tagreisen fliegen müssen, das Fest wird mir nicht entgehen!“
Bereits in der Frühe des 7. Oktober machte ich mich auf den Weg. Schon blies der Wind in der Höhe eisigkalt. So hielt ich mich in den Tälern und folgte in niedriger Höhe dem Lauf der Clerf und Sauer, in ihrem vielgewundenen Lauf bis nach Ettelbrück. Nach kurzer Rast daselbst machte ich mich wieder auf die Flügel und flog Alzetteaufwärts in der Richtung Mersch weiter. Unterwegs langweilte ich mich durchaus nicht. Außer den Naturschönheiten, die sich in so rascher Folge ablösten, sah ich schon auf allen Wegen Menschengruppen nach der Hauptstadt eilen. Man hätte meinen sollen, wir seien in den Tagen der Oktave. „Die denken halt wie ich selbst,“ sprach ich bei mir, wenn ich über sie hinwegflog. Einen kräftigen „Guten Tag“ rief ich ihnen hinunter und eilte weiter, ihnen munter voraus.
Auf der Höhe von Walferdingen machte ich Halt. Dort wollte ich die Nacht verbringen. Ganz zeitig setzte ich mich zur Ruhe, um anderntags gleich am frühen Morgen nach Luxemburg weiterzufliegen, wo es gewiß vieles zu schauen geben würde. Noch ehe die Sonne über die Berge kam, war ich auf den Flügeln. Eilig suchte ich meine Nahrung, und da ich voraussichtlich am Mittag dazu keine Zeit finden würde, ließ ich mir es gleich am Morgen recht wohl schmecken. Nachts hatte es ein wenig geregnet, so daß ich nur über einen Feldweg zu laufen brauchte, um Regenwürmer die ganze Menge zu finden.
Gegen acht Uhr hatte ich schon die Oberstadt zweimal überflogen. Alles rüstete sich. Ganze Wagen frischgehauener Tannen standen in den Straßen, durch die der Kaiser seinen Weg nehmen sollte. Einzelne Häuser waren schon beflaggt, immer mehr folgten ihnen von Minute zu Minute. Alles war in fieberhafter Tätigkeit. Die Festungstürme standen in bunten Guirlanden und trugen an ihren Spitzen flatternde Oriflammen auf haushohen Masten. Am Nachmittag ruhte ich auf einer der alten Weiden neben dem Glacisfelde. Auch dort gab es vollauf zu sehen. Da kam zuerst eine stolze Reiterbrigade und übte zum letzten Mal die Ehrenparade. Bald kamen die flinken Rosse in stolzem Schritt, dann wieder hüpften sie in leichtem Trab, dann sausten sie daher in rasendem, feurigem Galopp. Roß und Reiter aber funkelten im Sonnenschein; aus den neupolierten, glänzenden Knöpfen und aus den silbernen Schnallen des Pferdegeschirrs schossen die Strahlen blitzartig über das Gelände. Später erfuhr ich, daß fast alle jene Reiter dem Adelsstand angehörten, und so wunderte ich mich nicht mehr über ihre reiche Ausstattung. Gegen 10 Uhr übte die Ehrenkompagnie der Fußtruppen. Was mir am besten gefiel, war unstreitig, das sogenannte „Mamelukenkorps“, das seine Übungen am Nachmittag auf demselben Felde vornahm. Es bestand aus lauter Kindern. Knaben im Alter von 10 bis 12 Jahren, geführt von ihrem Hauptmann, der ebenfalls noch ein Kind war. Und doch waren sie schon Soldaten durch und durch, wie eine Armee von Männern exerzierten sie; schneidig wie ein Heer, das schon jahrelang unter Waffen steht, schritten sie auf und ab, bald zu vier, bald zu zwei; dann teilten sie sich wieder in verschiedene Abteilungen, um sich gleich darnach wieder zu vereinigen. Mit sichtlichem Stolz schritt ihr junger Führer vor ihnen in die Stadt zurück.