Zwischen den Felsen auf schwer zugänglichen Pfaden stiegen sie, leise, ganz leise bergan. Oben, von Felsen umrahmt, lag ein freies Plätzchen, das man dort nicht vermutet hätte. Kopf an Kopf standen dort die von allen Seiten herbeigekommenen Leute. Im Hintergrunde sah man ein kleines, aus Ästen roh zusammengefügtes Kreuz und einen aus Steinen errichteten niedrigen Altar. Ein abgemagerter Priestergreis schickte sich eben an, das hl. Meßopfer darzubringen. Weiter rechts, an die Felsen angelehnt, ein aus Tannenzweigen errichtetes Hüttlein, das dem geächteten Priester als Wohnung diente. In andächtiger Stille standen die Gläubigen da. Manch heiße Träne rann über die Wangen. Einige leise Worte der Belehrung und Ermunterung bildeten die kurze Predigt. Nach dem hl. Opfer beichteten noch einige und empfingen die hl. Kommunion. Still, wie sie gekommen, verschwanden wieder die frommen Beter.
Zwei starke Männer warteten bis zuletzt. Als die letzten fortgegangen, verabschiedeten auch sie sich und legten einige dicke Steine in den Zugang zum freien Platz. Durch darüber gestreutes dürres Laub verwischten sie die Fußspuren im Pfade und kehrten ebenfalls ernsten Antlitzes nach Hause zurück.
Tagelang sah man wieder keinen Menschen in der ganzen Umgegend. Der Priester aber betete in der Einsamkeit für seine Schäflein, daß Gott der Herr sie stark erhalte, damit sie standhalten möchten in der Stunde der Gefahr.
Dann und wann erschienen zu stiller Nachtstunde einige Männer am Eingang der stillen Einöde und gaben ein verabredetes Zeichen. Der Priester ging dann mit ihnen zu einem Kranken, der seiner begehrte, spendete die heiligen Tröstungen der Kirche, und ehe wieder der neue Morgen graute, hatten die Männer ihren Priester zurückbegleitet zu seinem stillen Verstecke. Auch die Häscher sah ich manchmal den Wald durchstreifen, aber jedesmal gingen sie vorüber. Sie fanden nicht, was sie suchten. Schon in allen Häusern des Dorfes hatten sie verschiedentlich Haussuchung vorgenommen. Alle Hecken und Wälder hatten sie abgesucht. Sie wußten, daß der Priester in der Nähe weilen müsse, aber keine Spur hatten sie von ihm entdeckt. Auch in der Sonntagsnacht hielten sie manchmal am Dorfe Wacht, um zu sehen, ob die Leute Sonntags zur Messe gingen. Regelmäßig aber war die Gegenwart der Häscher von aufgestellten Dorfwachen gemeldet worden. Ehe noch der Tag graute, brachen dann einige Dorfbewohner auf und schlichen geräuschlos nach der Our hinunter. In einiger Entfernung vom Dorfe zündeten sie ihre Laternen an und schwenkten sie rasch, als ob sie eilig weiterschritten. Die fremden Gendarmen ließen sich täuschen. Während sie schnell nach der Our hinuntereilten und dort alles durchsuchten, gingen die Dorfbewohner in entgegengesetzter Richtung zur Messe. In den Hecken an der Our aber waren längst die Laternen erloschen und alles Suchen war umsonst.
So verging Sommer und Frühherbst. Als der Winter mit strenger Kälte sich einstellte, konnte der Priester nicht länger im Walde bleiben. Da kehrte er ins Dorf zurück. Manche der Häuser hatten heimliche Verstecke. In ihnen konnte er sich verbergen, wenn Gefahr drohte. Dort waren auch die hl. Gefäße aufgehoben, und da die Kirche ihnen nicht zu Gebote stand, kamen die Leute in Scheunen und Wohnräumen zusammen. Ein Tisch oder Schrein wurde zum Altar und das Haus zur Kirche. Wachen umstanden das Dorf und meldeten, wenn sich etwas Verdächtiges in der Gegend zeigte. Verräter gab es keine, alle waren wie eine Familie. Einmütig sehnten sie sich alle nach den Tagen der Freiheit und unterdessen trugen sie geduldig die harten Leiden der Verfolgung. Traurige Stille lag über den Dörfern und den Fluren, denn die Glocken waren von den Türmen herabgenommen und nach Luxemburg geführt worden, um zu Kanonen umgegossen zu werden.“
„Und wie ging es den rekrutierten jungen Leuten, Väterchen Hans, nach dem Klöppelkrieg?“
„Ach Rassi, das war auch eine schlimme Sache. Allenthalben wurden sie ausgehoben. Von 1798-1815 wurden nicht weniger als 14000 junge Luxemburger unter die französischen Fahnen gestellt. Traurig zogen sie aus der lieben Heimat fort, einem fast sicheren Tode entgegen. Die wenigsten von ihnen sahen die Heimat wieder. Kaum ein Drittel gelangte krank und gebrochen an den väterlichen Herd zurück. Über 9000 fanden den Tod auf den Schlachtfeldern Europas. Ach wie manche bittere Träne sah ich in jenen Tagen fließen, wie manche traurige Mutterklage hörte ich um den dahingeschiedenen Sohn. Eine Familie um die andere kleidete sich in Trauer, wenn die seltene Post eintraf, und Nachrichten aus der Ferne einliefen. Über eines aber waren die Eltern am meisten untröstlich, daß sie den Sohn nicht hatten betten können in die heimatliche Erde. Nun lag er begraben, fern der Heimat, an irgend einer Küste Italiens, in den heißen Landen Spaniens oder im brennenden Wüstensand Ägyptens. Alles, nur nicht die liebe Heimaterde deckte seine irdischen Überreste. Und die alten Großväter, die sonst in stiller Stube bleiben durften und nur dann und wann aufs Feld gekommen waren, um der Arbeit ihrer rüstigen Kinder und Enkel zuzusehen, mußten müde wieder zur Arbeit schreiten, und gebeugt von der Last der Jahre gingen sie wieder hinter dem Pfluge oder führten langsam die schwere Sense durch das zur Ernte reife Korn.
„Und da hatte ich immer gemeint,“ sprach Rassi, „jene Zeit, wo die Luxemburger unter Napoleon dienten, sei eine glorreiche Zeit gewesen, wenigstens so hatte es mir immer nach den Erzählungen meines Großvaters geschienen.“
„Ja, Rassi, nachher läßt sich leicht von schönen Tagen reden! Wer sie aber miterleben und in ihnen mitleiden muß, der wird nicht viel von ihrer Schönheit reden. Freilich interessant war es manchmal, wenn einer dieser „Napoleonsdiener“ das Glück hatte, nach seinen gefährlichen Kriegsfahrten heimzukehren.
In glänzender Uniform stolzierten sie durch die Dörfer und wußten so viel zu erzählen von ihren Heldentaten und all dem, was sie in der Fremde gesehen und erlebt hätten. Manchmal freilich war auch recht viel dazugelogen. Wohl leuchteten dann hin und wieder in Begeisterung die Augen auf, wenn sie von dem „großen Kaiser“ erzählten, der nur einen Blick über das Schlachtfeld zu werfen brauche, um zu sehen, was noch fehle und wo er seine Reserven einsetzen müsse, um noch vor Sonnenuntergang die Schlacht zu seinen Gunsten zu entscheiden. Dann erzählten sie wieder, wie er trotz allen Glanzes, mit dem er sich umgab, doch herablassend sei, gegen den letzten der Soldaten nicht weniger als gegen seine tüchtigsten Generäle. Aber glaubt mir es Kinder, größer als die Freude, die hie und da im Lande aufflackerte, war die Trauer, der man überall begegnete. Es war wie es immer ist hier auf Erden: Einzelnes Schöne kann ein Krieg mit sich bringen, schöner sind und bleiben die Güter eines gesegneten Friedens.“