Feierlich klangen wieder jeden Morgen die Glocken von Liebfrauen. Die Oktave war gekommen, und mehr denn sonst eilten von allen Seiten die Pilger herbei, um Hilfe gegen die furchtbare Geißel zu finden, die das Land so hart schlug. Da hörte ich auch, wie eines Tages die Prozessionen von Diekirch und Gilsdorf kamen und viele ihrer Pilger trugen Trauerkleider; ihre Ortschaften waren besonders schwer heimgesucht worden.
Anfangs Sommer hörte die heimtückische Krankheit auf. Eines Tages verließen unsere Gäste ihren Aufenthalt im Walde und kehrten freudig heim an den väterlichen Herd. Ich freute mich mit ihnen, daß sie nun dieser bangen Sorgen enthoben waren und wieder froh in eine hoffentlich bessere Zukunft blicken durften.
Auch meine Tage im Walde daselbst sollten nun bald gezählt sein. Ich stand eingangs der Achtziger, und in diesem Alter liebt man schon die Ruhe und wird gegen alle Aufregungen viel empfindlicher.
Die Menschen schrieben 1867. Da sah ich eines Tages ganze Regimenter mit wehenden Fahnen aus der Festung ausziehen. Unter klingendem Spiel kamen sie den Clausener Berg herab und schritten auf der Trierer Straße mit wackern Schritten weiter. Ich dachte zunächst, sie würden zu einer großen Übung ausziehen, wie in den frühern Jahren. Doch wunderte ich mich, daß so viele Menschen ein Stück Weges mit ihnen gingen; das war früher nie der Fall gewesen. Auf der Schloßbrücke und dem Fischmarkt standen die Zuschauer Kopf an Kopf. Es mußte doch etwas Außergewöhnliches vor sich gehen.
Anderntags erfuhr ich, daß die bisherige Festungsbesatzung endgültig die Stadt verlassen habe, und daß nun wahrscheinlich die Festung niedergerissen würde. Luxemburg sollte ein offenes Land werden. Seine geschleifte Festung sollte seine Sicherheit noch vermehren. Ungeschützt sollte es doch geschützt sein durch das Wohlwollen der Nationen.
Einige Zeit später fuhr ich eines Morgens jäh im Schlafe auf. Ein furchtbarer, langanhaltender Knall dröhnte von Luxemburg herüber; rauschend trug ihn das Echo weiter durch die Wälder. Eine mächtige, dichte Staubwolke stieg gleich darauf im Westen der Stadt auf und senkte sich wieder langsam gegen den Glacis. Wochenlang folgte Knall auf Knall. Ein Stück der Festung sank nach dem andern in Trümmer; gewaltsam wurde niedergerissen, was in jahrelanger, mühsamer Arbeit errichtet worden war.
Diesen Lärm werde ich mein Leben lang nicht vergessen. Zwar hatte ein Rabenfreund mir gesagt, ich brauche mich nicht zu fürchten, es könnte unmöglich ein Stein von drüben bis zu uns herüberfliegen; doch ich konnte mich nicht beruhigen. Bei jeder neuen Explosion fuhr ich erschreckt auf; von Tag zu Tag wurde ich mehr und mehr erregt, und bei einem längeren Aufenthalt daselbst wäre ich gewiß krank geworden. „Was soll ich mir meinen Lebensabend“, dachte ich, „noch hier verbittern lassen? Reißet nieder und schießt so lange ihr wollt, der alte Hans will lieber seine Ruhe haben.“ So entschloß ich mich denn abermal umzuziehen und im stillen Süden des Landes meinen Wohnsitz, hoffentlich den letzten aufzuschlagen.
Anfangs Juni war es, als ich eines frühen Morgens dem Clausenerberg und dem Grünewald Lebewohl sagte und über Bonneweg, Hesperingen und Peppingen hinweg den waldigen Höhen des Johannisberges bei Düdelingen zusteuerte. Von Luxemburg aus hatte ich diesen Berg schon jahrelang Tag um Tag gesehen; fern am blauen Horizonte schien er mir in seiner stillen Einsamkeit ein Stätte der Ruhe und des schönsten Friedens zu sein. Was ich auf ihm suchte, fand ich in der Tat. In den Waldungen des Berges gegen Kayl schlug ich meinen neuen Wohnsitz auf. Welch herrliche Gegend! Friedliches Gelände allenthalben, Felder und fruchtbare Äcker, von denen fleißige Landleute hundertfältige Ernten jubelnd heimführten. Die hohen Schmelzöfen mit ihren schlanken roten Ziegelschloten standen damals noch nicht. Das Rasseln der Maschinen, das Hämmern und Surren der Fabriken störte nirgends die friedliche Stille ländlicher Einsamkeit.
„Johannisberg. Johannisberg,“ wiederholte Rapsi, indem er nachdenklich die Kralle an die Stirne führte, „sag’ Väterchen, liegt der nicht in der Nähe der Dörfchen Bergem, Steinbrücken und Pissingen? Ich glaube, aus dieser Gegend war mein Großvater.“
„Ganz recht, ganz recht,“ nickte Hans, „diese Ortschaften liegen in der Nähe, doch mehr landeinwärts, ungefähr auf halbem Wege zwischen Johannisberg und Zolverknapp.“