„Ist es das Dörfchen Pissingen, von dem die Menschen das törichte Sprichwort haben?“ fragte Rapsi. „Du weißt ja: Brüderlich teilen, wie die Pissinger mit den Raben! Wenn ich doch nur wüßte, wie man zu diesem Spruche kommt! Verschiedentlich habe ich darnach gefragt; niemand wußte mir eine Erklärung zu geben. Väterchen Hans, weißt du es vielleicht?“

„Wie die Pissinger die Raben teilten, müßte man eigentlich sagen,“ entgegnete Hans. „Ist es wahr oder erfunden, ich weiß es nicht, doch mein Urgroßvater erzählte mir einst folgendermaßen:

Gingen da eines Tages in Pissingen drei Burschen auf die Rabenjagd. Brüderlich sollten sie alle Beute teilen. Da entdeckte der eine von ihnen ein Nest hoch auf einer Pappel. Er kletterte hinauf und brachte die Insassen, drei junge Raben, herunter. Nun ging es ans Teilen. „Ich verteile selbst,“ sprach er. „Ein Räblein muß ich vorwegbekommen, denn ich habe das Nest zuerst gesehen; ich bin auch auf den Baum gestiegen, deshalb ist auch das zweite mein und das dritte gehört mir als Anteil.“ So erhielt der eine alles, die andern nichts. Seit der Zeit sagen die Menschen hierzulande: Brüderlich teilen, wie die Pissinger mit den Raben.“

„Den Raben, den Raben,“ knirschte Rassi, „immer die Raben! Müssen wir nun auch schon für dumme Witze herhalten? Es wäre wirklich besser, die Menschen witzelten über ihre langen Ohren und ließen uns in Ruhe. Doch Väterchen, erzähle weiter.“

„Gewiß Rassi. Auf dem Johannisberg gefiel es mir sehr wohl. Schon faßte ich den Entschluß, immer dort zu bleiben und im Frieden des stillen Berges meine letzten Tage zu verbringen.

Doch wandelbar wie das Wetter sind auch unsere Geschicke und Gedanken.

In den ersten Monaten 1870 war es. Wiederum reckten die Menschen die Köpfe zusammen. Sie sprachen von Frankreich und Deutschland, und als drittes Wort verbanden sie damit das schaurige, böse Wort Krieg. Und wenn sie lange zusammengestanden und gesprochen hatten und dann auseinandergingen, hörte ich verschiedentlich: „Nun, wir werden ja bald sehen; ihr werdet mich nicht Lügner finden, in einigen Monaten sind sie aneinander.“

Krieg! Ich wußte, was das Wort bedeute; genugsam hatte ich es schon erfahren.

Lügner waren sie keine gewesen, die den Krieg vorherverkündet! Gegen Ende Juli war ihre Prophezeiung zur Wirklichkeit geworden.

Vom Süden her dröhnte der Kanonendonner.