Man hat gefunden, dass die menschlichen Schädel nicht bloss in ihrer absoluten Grösse und in dem absoluten Inhalte ihrer Schädelkapsel von einander abweichen, sondern auch in den Verhältnissen, welche die Durchmesser der letzteren zu einander zeigen, in der relativen Grösse der Gesichtsknochen (besonders der Kiefer und Zähne) im Vergleich mit denen des Schädels, in dem Grade, in welchem der Oberkiefer (dem natürlich der untere folgt) unter den vordern Theil der Schädelkapsel nach hinten und unten, oder vor dieselbe nach vorn und oben rückt. Sie weichen ferner von einander ab in den Verhältnissen des queren Durchmessers des Gesichts, durch die Wangenbeine gemessen, zum queren Durchmesser des Schädels, in der mehr abgerundeten oder mehr giebelförmigen Gestalt des Schädeldaches und in dem Grade, bis zu welchem der hintere Theil des Schädels abgeflacht ist oder über die Leiste vorspringt, an und unter welcher sich die Nackenmuskeln ansetzen.

Bei manchen Schädeln kann man die eigentliche Schädelkapsel rund nennen, die grösste Länge verhält sich zur grössten Breite wie 100:80, zuweilen ist sogar der Unterschied noch geringer[52]. Menschen mit solchen Schädeln nennt Retzius »brachycephalisch«; der Schädel eines Kalmucken, von dem eine seitliche und vordere Ansicht in Von Baer's »Crania selecta« gegeben ist (hiernach die verkleinerten Umrissfiguren in Fig. 27), bietet ein ausgezeichnetes Beispiel dieser Schädelform dar. Andere Schädel, wie der in Fig. 28 nach Busk's »Crania typica« copirte Negerschädel, haben eine hiervon sehr verschiedene, bedeutend verlängerte Form und können oblong genannt werden. Bei diesem Schädel verhält sich die grösste Breite zur grössten Länge wie 67:100, und der Querdurchmesser kann selbst noch unter dies Verhältniss sinken. Leute mit solchen Schädeln nennt Retzius »dolichocephalisch«.

Fig. 28. Oblonger und prognather Schädel eines Negers; seitliche und vordere Ansicht. 13 nat. Gr.

Selbst der flüchtigste Blick auf die Seitenansicht dieser beiden Schädel genügt zu dem Nachweis, dass sie noch in einer andern Hinsicht sehr auffallend differiren. Das Profil des Kalmuckengesichts ist fast senkrecht, die Gesichtsknochen treten abwärts unter den vordern Theil des Schädels. Das Profil des Negers dagegen ist merkwürdig geneigt, der vordere Theil der Kinnladen springt weit über das Niveau des vordern Theils des Schädels nach vorn vor. Im erstern Fall sagt man, der Schädel ist »orthognath« oder geradkiefrig; im letztern wird er »prognath« genannt, eine Bezeichnung, die mit mehr Kraft als Eleganz durch »schnauzig« wiedergegeben werden könnte.

Es sind verschiedene Methoden angegeben worden, um mit Genauigkeit den Grad des Prognathismus oder Orthognathismus eines gegebenen Schädels zu bestimmen; die meisten dieser Methoden sind wesentlich Modificationen der von Camper zur Bestimmung des sogenannten »Gesichtswinkels« angegebenen.

Eine kurze Betrachtung zeigt aber, dass alle angegebenen Gesichtswinkel nur in einer rohen und allgemeinen Weise die anatomischen Modificationen ausdrücken können, die beim Prognathismus und Orthognathismus auftreten. Denn die Linien, deren Durchschneidung der Gesichtswinkel bildet, sind durch Punkte am Schädel gezogen, deren Lage durch eine Anzahl von Umständen modificirt wird. Der so erhaltene Winkel ist daher das complicirte Resultat aller dieser Umstände und nicht der Ausdruck irgend einer organischen Beziehung der Schädeltheile zu einander.

Ich bin zu der Ueberzeugung gekommen, dass keine Vergleichung von Schädeln viel werth ist, welche nicht auf die Bestimmung einer verhältnissmässig fixirten Grundlinie zurückgeführt wird, auf welche in allen Fällen die Messungen bezogen werden müssen. Ich halte es auch für nicht sehr schwierig zu bestimmen, welches diese Grundlinie sein sollte. Die Theile des Schädels sind wie die übrigen Theile des thierischen Körpers nach einander entwickelt: die Schädelbasis wird eher gebildet als die Seiten und das Dach des Schädels; eher und vollständiger als die letzten wird sie in Knorpel verwandelt; und diese knorplige Basis ossificirt und verschmilzt in ein Stück lange vor dem Dache des Schädels. Ich bin daher der Ansicht, dass die Schädelbasis aus ihrer Entwickelung als der relativ fixirte Theil des Schädels nachzuweisen ist, während die Seiten und die Decke relativ beweglich sind.

Dasselbe zeigt sich als richtig bei einem Studium der Modificationen, welche der Schädel, von den niederen Thieren zu den höheren aufsteigend, erleidet.