Bei einem Säugethier wie dem Biber (Fig. 29) ist eine durch die Basioccipital, hinteres und vorderes Keilbein genannten Knochen gezogene Linie (ab) sehr lang im Verhältniss zur grössten Länge der die Grosshirnhemisphären enthaltenden Höhle (gh). Die Ebene des Hinterhauptsloches (bc) bildet einen wenig spitzen Winkel mit dieser Schädelbasisaxe, während die Ebene des Tentorium (iT) gegen die Schädelbasisaxe um etwas mehr als 90° geneigt ist; ebenso die Siebplatte (ad), durch welche die Riechnervenfäden den Schädel verlassen. Ferner bildet eine durch die Gesichtsaxe, zwischen den Ethmoid und Pflugschar genannten Knochen gezogene Linie, die »Gesichtsbasisaxe« (fe), einen äusserst stumpfen Winkel mit der Schädelbasisaxe, wenn sie bis zum Durchschneiden dieser verlängert wird.
Wird der von den Linien bc und ab gebildete Winkel der »Hinterhauptswinkel«, der von den Linien ad mit ab gebildete der »Siebbeinwinkel«, und der von iT mit ab gebildete der »Hirnzeltwinkel« genannt, dann bilden alle diese bei dem in Rede stehenden Säugethiere nahezu rechte Winkel, sie schwanken zwischen 80 und 110°. Der Winkel efb oder der von der Schädelbasis mit der Gesichtsaxe gebildete, Schädelgesichtswinkel zu nennende, ist äusserst stumpf und beträgt beim Biber wenigstens 150°.
Fig. 29. Längen- und senkrechte Schnitte der Schädel eines Bibers (Castor canadensis), eines Lemur (L. catta) und eines Pavian (Cynocephalus Papio); ab Schädelbasisaxe; bc Hinterhauptsebene; iT Ebene des Tentorium; ad Siebbeinebene; fe Gesichtsbasisaxe; cba Hinterhauptswinkel; Tia Hirnzeltwinkel; dab Siebbeinwinkel; efb Schädelgesichtswinkel; gh grösste Länge der die Grosshirnhemisphären aufnehmenden Höhle oder »Grosshirnlänge«. Die Länge der Schädelbasisaxe zu dieser Länge, oder mit anderen Worten die relative Länge der Linie gh zu der Linie ab, diese gleich 100, ist in den drei Schädeln, wie folgt: Biber 70:100, Lemur 119:100, Pavian 144:100; bei einem erwachsenen Gorilla wie 170:100, beim Neger (Fig. 30) wie 236:100, bei dem Constantinopolitaner Schädel (Fig. 30) wie 266:100. Der Schädelunterschied zwischen den höchsten Affen und den niedrigsten Menschen springt daher durch diese Messungen sehr in die Augen. — In der Zeichnung des Pavianschädels geben die punktirten Linien d1 d2 etc. die Winkel des Biber- und Lemurschädels auf die Schädelbasisaxe des Pavian übertragen an. Die Linie ab ist in allen drei Zeichnungen gleich lang.
Wird nun aber eine Reihe von Durchschnitten von Säugethierschädeln, in der Mitte zwischen einem Nager und dem Menschen stehend, untersucht ([Fig. 29]), so stellt sich heraus, dass bei den höheren Schädeln die Schädelbasisaxe im Verhältniss zur Grosshirnlänge kürzer wird, dass der Siebbeinwinkel und Hinterhauptswinkel stumpfer werden, und dass der Schädelgesichtswinkel gewissermaassen durch das Zurückbeugen der Gesichtsaxe auf die Schädelaxe spitzer wird. Gleichzeitig wird das Schädeldach mehr und mehr gewölbt, um das Zunehmen der Grosshirnhemisphären an Höhe zu gestatten, was vorzüglich charakteristisch für den Menschen ist, ebenso wie die Ausdehnung nach hinten über das kleine Gehirn hinaus, welche ihr Maximum in den südamerikanischen Affen erreicht. Beim menschlichen Schädel (Fig. 30) ist daher endlich die Grosshirnlänge zwischen zwei- und dreimal so gross als die der Schädelbasisaxe; der Siebbeinwinkel 20° oder 30° nach der untern Seite letzterer Axe, der Hinterhauptswinkel statt kleiner als 90° zu sein, ist bis 150° oder 160° gross. Der Schädelgesichtswinkel kann 90° oder weniger sein und die verticale Höhe des Schädels kann verhältnissmässig zu seiner Länge gross sein.
Aus einer Betrachtung dieser Zeichnungen wird klar, dass die Schädelbasisaxe in der aufsteigenden Reihe der Säugethiere eine relativ fixirte Linie ist, um welche, wie man sich ausdrücken kann, die Knochen des Gesichts und der Seiten und Decke der Schädelhöhle sich nach unten und nach vorn oder hinten, je nach ihrer Lage, drehen. Der von einem Knochen oder einer Ebene beschriebene Bogen steht indess durchaus nicht immer im Verhältniss zu dem von einem andern beschriebenen Bogen.
Wir kommen nun zu der wichtigen Frage: können wir zwischen den niedrigsten und höchsten Formen menschlicher Schädel irgend etwas ausfindig machen, das, in was für einem geringen Grade auch immer, dieser Drehung der Seiten- und Deckenknochen des Schädels um die Schädelbasisaxe entspricht, die in so bedeutendem Maasse in der Säugethierreihe zu beobachten ist? Zahlreiche Beobachtungen führen mich zu der Ansicht, dass wir diese Frage bejahend beantworten müssen.